Nachtfahrer

Geschrieben am 9. Oktober 2014 von

So komme ich mir jedenfalls langsam vor. Die letzten drei Etappen habe ich nämlich jeweils nachts zurückgelegt. Grund ist das in den letzten Tagen tagsüber zu schlechte Wetter. Oder besser gesagt der viele Wind, der konstant mit Böen über 30 Knoten geblasen hat. Abends und nachts ergab sich dann meist ein kleines Wetterfenster mit etwas weniger Wind. Außerdem läuft die Tide zur Zeit gegen Abend. Also habe ich die sich bietenden Chancen genutzt und bin nach Fecamp und Dieppe heute morgen um 6 in Boulogne sur Mer eingelaufenn. Die Etappe von Fecamp nach Dieppe war OK. Die Entscheidung zum Aufbruch fiel allerdings erst in letzter Sekunde. Denn den ganzen Tag hämmerte der Wind genau auf die Hafeneinfahrt von Fecamp. Die ist bekanntlich nicht besonders Tief. Und so steht dort insbesondere bei niedrigen Wasserständen eine ordentliche und mitunter gefährliche Brandung. Also mal schnell bei der Hafenmeisterin nachgefragt, wie es den mit den Wassertiefen in der Einfahrt zur Zeit aussieht. Die zog dann einen Tidenkalender heraus und las einen Niedrigwasserpegel von 1,10 Metern ab. Das wäre dann auch die Wassertiefe in der Einfahrt. „Nein, nein“ sage ich. „Das ist der Niedrigwasserpegel, der auf das Seekartennull aufgerechnet werden muß“. Das wiederum verneint die Dame an der Rezeption. Es entbricht eine angeregte Diskussion über Tidenberechnung. Eine hinzu gezogene Seekarte zeigt 1,40 m LAT als Seekartennull in der Einfahrt. Das versteht die Dame jetzt nun auch wieder nicht. Sie besteht aber steif und fest auf 1,10 m als Tiefe zu Niedrigweasser. Anyway .. ich bin dann doch gefahren. Und erwartungsgemäß war genug Wasser auf der Barre der Einfahrt ,-).

Mit Strom und ordentlch Wind ging es dann schnell nach Dieppe, wo ich gegen 23 Uhr einlief. Vor der Hafeneinfahrt musste ich allerdings noch ein paar Kringel drehen, denn gleich zwei große Fähren musste ich den Vortritt lassen. Der Hafen ist dann picke-packe-voll. Lange drehe ich meine Runden und mache schließlich in einer freien Lücke fest. Dort liegen allerdungs feste Leinen auf dem Steg. Rechts und links liegen zudem einheimische Fischerboote. Wohl ein Zeichen dafür, dass dieser Platz einem Local gehört. Da ich keine Lust habe, mitten in der Nacht umparken zu müssen, entscheide ich mich, erneut abzulegen und einen neuen Platz zu suchen. Der ist dann irgendwann auch gefunden. Gute Nacht. Dieppe kenne ich ja auch schon von meiner Hinfart. Ein wirklich schöner Ort mit allem was man so braucht. Ich vertingele den Tag mit einkaufen, Motorwartung und dem ein oder anderen Kaffee in den zahlreichen Bistros rund um den Hafen.

Gegen 19 Uhr will ich nach Boulogne aufbrechen. Pünktlich um viertel vor sieben wird es dann stockfinster. Eine heftige Schauer- und Gewitterzelle zieht durch. Ich warte also noch ein bißchen. Um halb acht gehts dann los. Ich melde mich beim Hafendienst an und bekomme die Erlaubnis zum auslaufen. Draussen ist es merkwürdig ruhig. Gerade mal 2-3 Beaufort und ein ziemlich glatte See. Die Gribs haben Wind um die 17-18 Knoten sowie Böen um die 25 Knoten gemeldet. Na ja, wird wohl noch ein Windloch nach dem gerade druchgezogenen Gewitter sein. Eine gute halbe Stunde später kommt dann der Wind. Nur unter Genua und Wind platt vom Laken geht es Richtung Nordnordost. Die beiden ersten ersten Drittel der Strecke laufen gut und schnell. Etwa 15 Seemeilen vor Boulogne nimmt der Wind dann immer weiter zu. Auch gehen gehen jetzt immer wieder heftiger Schauer nieder. In der Anfahrt auf Boulogne bläst es dann konstant mit über 30 Knoten. Dazu gibts es eine hohe steile Welle, die aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen scheint. Ich bin zu diesme Zeitpunkt schon ziemlich kaputt. Entsprechend angespannt gehts in die Einfahrt des Vorhafens. Der Wind steht jetzt genau auf der Nase. Hinzu kommt der zwisdhenzeitlich gekenterte Strom, der ebenfallw gegenan läuft. So mache ich mit Maschine gerade mal 1 Knoten Fahrt über Grund. „Wenn jetzt die Maschine ausfällt bin ich im Arsch“ geht es mir durch den Kopf. Denn im Vorhafen ist rechts und links alles Untief oder Unrein. Letztlich dauert es noch eine gute halbe Stunde bis ich an der Marina eintreffe. Auch hier hauen die Böen rein, dass es nur so ein Freude ist. Der erste Anleger misslingt. Ich komme aber ohne Probleme wieder vom Schwimmsteg weg und versuche es erneut. Um 6 Uhr habe ich nach knapp 10 Stunden schließlich die Leinen fest und falle erschöpft auf die Bänke in der Plicht. Obwohl hundemüde, kann ich jetzt noch nicht schlafen. Ich esse also noch eine Kleinigkeit und rauche ein Zigarettchen. Erst dann lege ich mich in die Koje und falle in einen unruhigen Schlaf.

Das letzte Stück vor Boulogne war wirklich unangenehm. Der starke Wind um die 8 Beaufort, die hohen unberechenbaren Wellen und reichlich Fischerboote ohne AIs in der Zufahrt, haben ganz schön an meine Nerven genagt. Braucht man nicht jeden Tag. Heute (Donnerstag) bläst es weiter munter mit Böen um die 8 Beaufort. Die wenigen Boote in der Marina bleiben alle da. Erst morgen soll sich die Lage etwas entspannen. Dann sind um die 15 Knoten aus Südwest gemedelt. Guter Wind um ums Kap Grinez nach Dünkirchen zu fahren.

Nachstehend noch ein paar Bilder der letzten Tage. Also dann .. ich komme dem meet & greet langsam aber sicher näher ,-).Ahoi !

3 Kommentare zu Nachtfahrer

  1. Horst

    Hi Guido,
    Lese ab und zu mit und schaue die Bilder.
    Toll
    Guersy, Alderney, Fecamp, Dieppe, Boulogne – da waren wir auch in letzter Zeit.
    Nur für uns sind es entfernte Urlaubsziele und für Dich ist es fast schon Zuhause.
    Alles Gute für die restlichen Meilen
    Horst

  2. Karsten

    Krasse Geschichten! Du bist ja hart im nehmen, sind dann auf die ersten Filmchen gespannt. Bestimmt schwierig im Dunkeln zu filmen. Hört sich wirklich übel an, schlimmer als deine Atlantikerlebnisse!

    Handbreit!

    Karsten.

  3. Klaus

    Hallo Guido,
    die Rückfahrt scheint mir in der Gesamtschau schwieriger als die Hinfahrt. Der Anspruch „nur“ zurückkommen zu müssen steht auch auf verlorenem Posten zur Hinfahrt, wo alles noch ein neues Abenteuer war.
    Leider habe ich am Meet&Greet Termin das Auskranen meines Bootes von der Brust. Schade. Viel Spaß bei der Aktion, ist eine nette Idee.

    Gruß Klaus

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