Russia 3

Geschrieben am 3. Juli 2017 von

Wir machen einen Sprung nach Schlüsselburg. Hinter uns liegt die Newa bzw. 40 km Flussfahrt seit der letzten Petersburger Brücke und eine Nacht bei den „Sea Wolves“, einer kleinen privaten Club-Marina direkt am Fluss. Eigentlich wollten wir ja in einem Rutsch nach Schlüsselburg durchfahren, allerdings waren wir irgendwann echt fertig mit der Welt. Dauerregen, Müdigkeit, ein gescheitertes Ankermanöver sowie eine etwas nervenaufreibende Brückendurchfahrt auf halbem Weg nach Schlüsselburg ließen uns spontan den keinen Hafen anfahren, um eine Nacht Schlaf zu tanken. Das letzte Stück zu dem geschichtsträchtigen Ort direkt am Ladogasee war dann mit 10 km nur noch sehr kurz. Das haben wir tags drauf quasi auf einer Pobacke abgesessen. Nun liegen wir an einer einfachen Steinmauer, die aus Zeiten von Peter dem Großen stammen soll. Klampen oder ähnliches gibt es hier nicht. Nur in paar alte Hacken und eine in den Boden geschlagene Stange, an denen wir unsere Leinen vertäut haben. Toiletten, Dusche oder gar Strom gibt es selbstredend auch nicht. Dennoch liegen wir hier eigentlich ganz OK. Wenn da nur nicht die merkwürdigen Geschichten des Lotsen in Petersburg wären, der uns vor abendlichen Besuchen der lokalen Wodka-Leichen warnte. Na mal abwarten. Die kleine „Promenade“ mit dem Fähranleger zur Noteburg und einem „Peter dem Großen“ Denkmal scheint jedenfalls tatsächlich ein Hotspot des Städtchens zu sein. Zumindest finden sich hier tagsüber immer wieder Spaziergänger, aber hauptsächlich junge Pärchen in ihren Autos ein. Dann wird aufs Wasser geschaut oder ein paar Jugendliche springen sogar in die eisige Newa und filmen sich für Youtube.

Der Ort selbst ist schon was ganz anderes als St. Petersburg. Viel Verfall und eckige Häuserblöcke aus Sowjetzeiten. Es gibt ein paar Läden und einen kleinen Markt. Die Nebenstraßen sind bereits nicht mehr asphaltiert, sondern einfache Schotterpisten mit riesigen Schläglöchern und tiefen Pfützen. Unser erster Rundgang führt uns gleich mal in die Kantina. Eine Art Restaurant mit Self-Service, das früher wohl mal zu einem Werk gehört hat und nun der Öffentlichkeit offen steht. Hier nehmen wir ein gutes und günstiges Mittagessen. Leider sorgt das im weiteren Verlauf aber für eine kleine Durchfallattacke. Irgendwas war da wohl nicht so ganz in Ordnung. Die erste Nacht in Schlüsselburg ist dann doch spannend. Irgendwie warte ich dann doch auf den angekündigten Besuch von irgendwelchen Alk-Rabauken und lausche aus der Koje, ob sich jemand am Boot zu schaffen macht. Am Ende passiert aber rein gar nichts. Nur der Regen trommelt fortwährend auf Carpes Dach.

Ein weiterer Programmpunkt in Schlüsselburg ist natürlich der Besuch der Noteburg, dem eigentlichen Wahrzeichen der Stadt. Diese liegt auf einem kleinen Inselchen unmittelbar in der Mündung der Newa zum Ladogasee. Mit einer alten, klapprigen Fähre fahren wir in knapp 15 Minuten zu dem Eiland herüber. Bereits von weitem kann man die mächtigen Festungsanlage mit ihren Türmchen und Mauern erkennen. Der Ort selbst lässt uns dann staunen und schaudern zugleich. Denn im Grunde ging es hier immer nur um Gewalt, Krieg, Gefangenschaft, Tod und Folter. Angefangen von den Schweden die hier eine Fort betrieben und in einer Entscheidungschlacht gegen Peter den Großen schließlich Karelien an die Russen verloren, über die Zarenzeit in der hier viele Andersdenkende in einfachsten Verhältnissen gefangen gehalten wurden, bis hin zu internierten Revolutionsopfern und schließlich dem Zweiten Weltkrieg. Insgesamt 500 Tage verteidigten hier russische Truppen die Insel vor den deutschen Invasoren, die es so nicht schafften, den Belagerungsring um Leningrad zu schließen. Wir sehen alte Gefängniszellen und Geschütze, meterdicke Mauern und verfallene Backsteinbauten die mich nicht nur nachdenklich, sondern regelrecht traurig machen. Nach gut 2 Stunden geht es mit der Fähre wieder zurück zu unserem zu Hause. Bevor es weiter über den Ladogasee gehen soll, bunkern wir noch etwas Diesel. Dazu engagieren wir ein lokales „Taxi“ und fahren mit unseren Kanistern zur nächsten Autotankstelle.

Nach 3 Tagen in Schlüsselburg wird es Zeit weiter zu fahren. Es wartet der Ladogasee, immerhin Europas größter Binnensee. Die Etappe soll uns in West-Ost Richtung entlang des südlichen Ufers in die Swir führen. Der nächste russische Fluss den es zu überwinden gilt. Insgesamt ein Strecke von gut 80 Seemeilen die wir hoffentlich bei guten Wind bewältigen können. In der Swir haben wir für die kommende Nacht sogar einen Steg mit Wasser und Strom gebucht. Bin mal gespannt, ob das so hinhaut. Ansonsten müssen wir nämlich mitten im Fluss ankern.



2 Kommentare zu Russia 3

  1. Joe

    Bis jetzt meine Lieblingssequenz, wie du nach dem Guten Morgen dezent den Rotz hochzieht :-).
    Superinteressante Tour, es passiert halt auch deutlich mehr als auf dem Atlantik. Hut ab vor der Leistung und weiterhin alles Gute.

    • Besan

      Das nennt man dann wohl Authentizität :-). Gruss in die Heimat .. Guido

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