Zwei lange Schläge nach Russland

Ahoi ! Wie angekündigt hier also ein paar weitere Zeilen über unseren Weg zu Mütterchen Russland. Ich schreibe diese Zeilen in Schlüsselburg/Russland, wo wir mit Carpe an einer derben Steinmauer liegen, die laut Aussage der Einheimischen schon von Peter dem Großen errichtet wurde. Ringe oder Klampen gibt’s hier nicht, geschweige denn Strom, Wasser oder Toiletten. Unsere Leine haben wir an ein paar eingeschlagenen Stangen und uralten Ketten und Haken vertäut, die wir an der Mauer und auf der angrenzenden Wiese gefunden haben. Scheint aber irgendwie zu halten, denn die erste Nacht haben wir bereits hinter uns. Nun aber zurück zu unserem bisherigen Weg:

Es geht nach Haapasaari, einem kleinen Eiland unmittelbar an der finnisch-russischen Seegrenze. Von Hanko sind das immerhin 145 Seemeilen. Der bislang längste Schlag des Törns, für den wir je nach Verhältnissen 24 bis 30 Stunden veranschlagen. Der Morgen in Hanko ist zunächst üsselig. Es regnet, der Himmel ist wolkenverhangen und einmal mehr zieht es mich eher in die Koje als an Deck. Nicht zuletzt weil wir zu spät in die Heia sind und eigentlich nur 3 Stunden geschlafen haben. Nach Frühstück und Toilettenbesuch schlüpfen wir dennoch in unsere Thermounterwäsche und das knallrote Parasail-Ölzeug und werfen um 3 Uhr lokaler Zeit die Leinen bzw. den Bojenhaken los. Die angesagten 5 Windstärken aus Südwest sind bereits da und als wir wenig später die Segel setzen geht es mit durchschnittlich 6 Knoten hinaus aus den Schären raus aufs freie Wasser. Hier legen wir Kurs Ost an geben Carpe unter Windpilot die Zügel. Der Regen prasselt derweil ohne Unterlass herab. Es ist nicht nur kalt, sondern arschkalt und nach nur wenigen Stunden ist alles nass. Viktor zieht nach und nach alles an was er dabei hat und ähnelt in seinem Ölzeug bald einem Michelin-Männchen. Eisern sitzt er Stunde um Stunde im Cockpit oder geht Ruder. Nicht das ich ihn dazu zwingen würde, vielmehr kann er bei etwas raueren Verhältnissen nicht gut unter Deck ausharren und zieht es daher vor die Fahrt im Cockpit abzuwettern. Zwischendurch überrede ich ihn dann aber doch mal für eine knappe Stunde und ein Schläfchen unter Deck zu gehen. Insgesamt über 10 Stunden regnet es als ob es kein Morgen gäbe. Dann ist die Dusche plötzlich aus. Dafür zieht am Abend immer wieder Seenebel auf, der die Sicht stark einschränkt. Die paar Frachter und Tanker die hier kreuzen haben wir aber auf dem AIS gut im Blick und müssen uns insoweit keine wirklichen Sorgen machen. Unsere erwartete Ankunftszeit auf Haapasaari liegt bei ungefähr 5 Uhr Dienstag morgen.

Die Nacht ist wie schon fast gewohnt nicht wirklich dunkel. Nur der immer wieder durchwabernde Nebel und die Wolken sorgen heute für etwas schattigere Stimmung als sonst. Der Wind dreht mehr und mehr auf West, was auch so gemeldet war. Irgendwann bläst es mit guten 30 Knoten genau von achtern. Zeit also das Groß zu bergen und fortan mit der Genua gen Ost zu rauschen. Das Vorsegel ist dabei auf etwa die Hälfte seiner vollen Fläche gerefft, treibt uns aber trotzdem mit über 6 Knoten voran. Der Windpilot muss jetzt schon seine ganze Steuerkunst aufwenden um Carpe auf Kurs zu halten. Die Wellen die von achtern anrollen sind nämlich mittlerweile sicher gute 2 Meter hoch. Zwischendurch rollen immer wieder eine Handvoll noch höhere Wasserberge heran und heben uns für kurze Momente wie auf eine Aussichtsplattform an. Wenig später geht es dann wieder rauschend runter ins Wellental herab. In der Anfahrt nach Haapasaari kommt dann doch noch etwas Verkehr auf. Zunächst nähert sich von hinten die „FINNWAVE“ auf fast genauem Kollisionskurs mit uns. Die Sicht ist immer noch schlecht, sodass wir den Frachter selbst als er nur noch eine halbe Meile entfernt ist nicht mit bloßem Auge ausmachen können. Zur Sicherheit springe ich an den Funk und rufe den Finnen an. Der meldet sich prompt auf Kanal 16 und bestätigt auf meine Anfrage, dass er uns gut auf dem Radar sieht und an Steuerbord überholen wird. Eine gute Stunde später nähern wir uns dann einr großen Reede. Hier manövrieren gleich zwei große Frachter auf der Suche nach einem geeigneten Ankerplatz. Mit einer Halse weichen wir großzügig aus. Das Manöver führt uns bis auf 3 Meilen an die finnisch-russische Grenze heran. Die auf der Seekarte nur dünne Linie habe ich mir zuvor zur Sicherheit dick markiert, um diese nicht aus Versehen zu überfahren. Das könnte nämlich doch etwas Mecker geben, zumal die erste russische Insel Ostrov Gogland bereits in der Ferne zu erahnen ist. Eine weitere Halse bringt uns wieder auf Kurs Haapasaari. Entang der Grenze geht es so für drei weitere Stunden voran. Irgendwie werden wir das Gefühl nicht los beobachtet zu werden. Denn auf dem nahen Gogland (RUS) soll eine große Radar- und Horchbasis liegen. Dementsprechend ist die ganze Insel auch Sperrgebiet.

Die letzten Meilen nach Haapasaari haben es dann doch nochmal in sich. Der Wind hämmert nach wie vor mit um die 30 Knoten von achtern. Die Genua haben wir geborgen und die Maschine für die finale Anfahrt gestartet. Dann sehen wir vor uns plötzlich Dutzende Bojen und Fähnchen im Wasser. „Das sind Netze !“, ruft Viktor durch den Wind. Vorsichtig umkurve ich die vielen bunten Markierungen bis ich plötzlich dahinter ganze Reihen von weißen und roten Bojen sehe. „Das sind keine Einzelnetze mehr, sondern Stellnetzreihen !“, plärre ich zurück, „Da kommen wir nicht durch !“. Ich bin echt bedient. Wir befinden uns ziemlich genau in der empfohlenen Anfahrt für die finnische Insel und sind in einem Meer aus Bojen und Netzen gefangen. Dazu kommen Müdigkeit, Kälte und Nässe sowie die wachsende Ungeduld auf den Landfall. Ab er es hilft nix, wir drehen auf engem Raum und müssen mit einem großen Bogen erneut anfahren. Das klappt schlielßlich besser und wir können zwischen den vorgelagerten Inseln Haapasaaris die Leine und Fender klarmachen. Vorbei an dem großen „Passport Control“ Posten der finnischen Grenz-Behörden steuern wir bald in die kleine zentrale Bucht ein. Das Zugangsfahrwasser ist betonnt. Das ist auch gut so, denn rechts und links ragen mächtige Felsen aus dem Wasser und man kann deutlich den Meeresgrund sehen. Das Fahrwasser selbst ist außerdem so eng betonnt, das zwei Boote dieses nicht gleichzeitig befahren können. In der Bucht ist der Seegang dann von jetzt auf gleich verschwunden und auch der Wind wird gut abgeschirmt. Wir wählen den zuvor auf der Karte ausgemachten Steg der kleinen Tankstelle als Anlegepunkt aus und machen dort um ziemlich genau 4 Uhr Dienstag morgen, nach 25 Stunden, die Leinen fest. Dann eben noch kurz mit der Dieselheizung durchgeheizt und ab in die Koje. Uff !

Mittags sind wir wieder auf den Beinen und unternehmen eine erste Erkundungstour über die Insel. Der etwa 15 Meter lange Holzsteg hat führt vorbei an einem kleinen Schuppen und einem Plumpsklo an Land. Dort steht auch gleich das erste Häuschen in dem ein kleiner Laden untergebracht ist. Obwohl eigentlich noch geschlossen, werden wir eingelassen und schauen uns kurz um. Dann gehts weiter Richtung Zoll-Station wo wir mit unseren Pässen und Bootspapieren schon mal ausklarieren wollen, bevor es morgen nach Kronstadt/Russland gehen soll. Nur gute 10 Minuten dauert der Fußmarsch über enge Pfade, und von der Eiszeit glattgeschliffene Felsenflächen. Menschen sehen wir zunächst keine. Nur ein paar Holzhäuschen und die Laden-Verkäuferin, die uns etwas später mit ihrem Quad überholt. An der Zollstation ist dann auch zunächst keine Socke. Im zentralen Gebäude treffen wir auch zunächst nur auf leere Büros in den einige PC`s und Bildschirme brummen. Also rufe ich mal ins Blaue und plötzlich tauchen gleich drei Uniformierte auf, die uns neugierig beäugen. Ein kurzer Talk lässt und dann wissen, dass wir erst am Tag der tatsächlichen Ausreise auschecken können. Soll heißen, wir müssen morgen um 8 Uhr an den großen Anlegesteg des Kontrollpunkts kommen, um dort die notwendigen Formalitäten abzuwickeln. Also gehen wir unverrichteter Dinge wieder zurück und erkunden jetzt die andere Seite der Insel. Auch hier viele kleine Holzhäuschen, hier und da sogar ein paar Menschen und an nahezu jedem Seegrundstück ein Bötchen im Wasser. Nach einer guten Stunde sind wir wieder zurück an Bord. Da an unserm Steg weder Wasser noch Strom liegen, fragen wir den urigen Laden-Besitzer, ob er vielleicht ein Kabel für uns legen könnte. Und tatsächlich. Nur wenig später wird aus dem kleinen Schuppen eine Verlängerungsschnur an unser Boot gelegt und nur Augenblicke später sorgt der Heizlüfter für muckelige und zunehmend trockene Stimmung im Salon. Außerdem fragt uns der Finne, ob wir nicht Lust haben in die Sauna zu gehen. Das haben wir, als der aber sagt, dass das erst frühestens uns um 21 Uhr abends ginge, lehnen wir dann doch ab. Immerhin wollen wir am nächsten Morgen früh raus . Zwei Saunagänge kurz davor würden uns doch eher schlapp als fit machen.

Der nächste Morgen beginnt um 6 Uhr. Es ist bereits taghell und eisekalt. Noch einmal schmeiße ich kurz die Heizung an, um das kleine Frühstück etwas gemütlicher zu gestalten. Um 7.30 Uhr sind wir bereits unterwegs zum Passport-Check. Ein finnischer Beamter nimmt unsere Papiere an sich und verschwindet dann für eine gute halbe Stunde. Dann bekommen wir die Dokumente und eine vom Zoll abgestempelte Crewliste zurück. Das ist dann auch das Dokument für die Einreise nach Russland. Mit einem zweiten Beamten geht es dann an Bord, wo eine recht halbherzige Bordbesichtigung stattfindet. Ich muss die Schränke und Stauräume öffnen und hier und da wird mal etwas gefragt. Wirklich gesucht wird aber nicht .. wonach auch !? Gegen 8.30 Uhr verlassen wir dann Haapasaari endgültig, setzen die Tücher und rauschen bei 5 bis 6 Beaufort Kurs Südost direkt zur finnisch-russischen Grenze. Schon um zehn Uhr passieren wir die unsichtbare Linie und rufen wie zuvor von Sail-Agent Vladimir empfohlen die russische Küstenwache an. Der Funk rauscht allerdings nur minutenlang ohne Antwort. Spontan nehme ich unsere Handfunke dazu und schalte diese ein. Dort dann plötzlich eine schwer verständliche, sehr verrauschte Antwort. In x Anläufen gelingt es uns dann, uns anzumelden. Die Küstenwache bestätigt derweil uns auf dem Radar zu beobachten und wünscht eine gute Fahrt nach Kronstadt. Wir sind in Russland !

Die Fahrt verläuft alles in allem gut, zieht sich aber ganz schön. Grund dafür sind immer wieder kurze Windlöcher die die Segel schlagen lassen und uns teilweise sogar zwingen den Diesel zuzuschalten. Da heute aber die Sonne scheint und die Temperaturen im Tagesverlauf angenehm werden, stört das nicht weiter. Viktor geht wieder eisern Ruder und steuert uns weiter Richtung Kronstadt. Kronstadt ist ein vorgelagertes Städtchen St. Petersburgs und auf einer kleinen Insel untergebracht, die auch die Zufahrt in die Bucht vor Petersburg markiert. Die ganze Bucht ist zusätzlich mit einem Sperrdamm gegen die offene See geschützt. Alles Errungenschaften von Peter dem Großen, seines Zeichens auch Gründer und Namensgeber von St. Petersburg. Die letzten Meilen ziehen sich endlos dahin und wir wünschen uns den Landfall nun immer mehr herbei. Schließlich passieren wir gegen Mitternacht die große Einfahrt nach Kronstadt. Im noch hellen Licht beobachten wir dabei das mächtige Sperrwerk, welches hier bei Sturmfluten die komplette Durchfahrt verschließen kann. Ein ähnliches Bauwerk gibt es glaube ich auf der Themse und soll London schützen. Hinter dem Durchlass sehen wir dann an Backbord ein Blitzlicht auf einem Hausdach und witzeln noch: „Die meinen bestimmt uns …“. Aber genauso ist es. Denn als wir kurze Zeit später an dem Gebäude vorbei fahren, wird laut gerufen und wir herangewunken. Da wären wir doch fast an dem Zollposten vorbeigefahren, denn auf unserer Karte war dieser etwas weiter hinten eingezeichnet. Anyway .. wir drehen auf der Stelle und machen kurz darauf die Leinen an einem riesigen stählernen Schwimmponton fest, an dem auch die Titanic hätte anlegen können. Wer nun glaubt, es wäre für heute geschafft, der täuscht sich, Denn jetzt gehts erst richtig los. Es kommen zwei Beamte an Bord, versorgen uns mit vielen Formularen und beginnen eine Durchsuchung des Boots. Es ist mittlerweile halb eins und ich bin ziemlich im Eimer. Dennoch müssen wir das Ganze Prozedere jetzt und hier erledigen. Gesetz ist eben Gesetz. Die beiden Beamten (ein Mann und eine Frau) suchen nun schon etwas genauer, während die Dame mit einer Videokamera bewaffnet alles filmisch dokumentiert und festhält. Nach 20 Minuten ist Carpe geprüft und für in Ordnung befunden. So wirklich streng ist das Ganze aber auch hier nicht. Nun müssen wir noch die ganzen Formulare ausfüllen und uns anschließend in einem Container a là DDR-Grenze melden. Hier wieder eine adrette Blondine in schicker Uniform hinter einer dicken Glasscheibe. Es wird palavert, Formulare geprüft und unsere Unterlagen kopiert. Dann ist es endlich vollbracht und wir fallen nach einem Butterbrot totmüde in die Koje. Morgen soll dann noch die Zollkontrolle stattfinden, bevor wir endlich nach St. Petersburg weiterreisen dürfen. Do swidanije !

1 Kommentar

  1. Super Beitrag Guido!
    Vielen Dank dafür!

    Bei den Fischernetzen habt ihr ganz schön Glück gehabt, vor allem wenn man ohnehin wenig Lust, aufgrund der Müdigkeit/Wetter etc., hat 🙂

    Wünsche Euch weiterhin viel Spaß und freue mich auf weitere Berichte 🙂

    LG

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