Russia 1

29. Juni 2017 Besan 3

„Dobryy den“ aus Voznesen`e an den Toren zum Onega See. Gut 4 Tage haben wir für die Passage der ca. 200 km langen Swir gebraucht. Die Fahrt war hier und da doch recht abenteuerlich. Der Gegenstrom hielt sich mit 0,5 bis max 3 Knoten zwar zumeist in Grenzen. Eine anstrengende Nacht vor Anker sowie 4 Nächte längsseits an irgendwelchen Barkassen und Pontons stehen aber auch im Logbuch. Hinzu kommen einige knappe Brückendurchfahrten, diverse Harakiri-Anleger an Arbeitsplattformen und viel viel Regen. Die Gegend erinnert vielerorts an Kanada mit seinen dichten, tiefgrünen Wäldern. Nun stehen wir In Voznesene unmittelbar an der Zufahrt zum Onegasee, dem immerhin noch zweitgrößten Binnensee Europas. In Carpes Salon schwirren ein paar Mücken die uns nerven und draußen am Steg stehen die üblichen Angler und hoffen auf guten Fang. Gestern haben wir übrigens versucht an einem schönen neuen Steg mit Landstrom festzumachen, wurden aber sofort von einem uniformierten verscheucht. Wie wir heute morgen erfahren haben, handelt sich bei dem Inselchen um eine Datscha von Vladimir Putin (ungelogen), der sogenannten Vladimir-Burg … hoppla. Nun denn … Zeit für einen weiteren Blogeintrag.

St. Petersburg, wir sind nun also so richtig in Russland angekommen. Gute 3 Stunden hat der Weg von Kronstadt bis in die Metropole gedauert. Wegen des fehlenden Winds in der Lagune vor Petersburg haben wir die 15 km unter Maschine zurückgelegt. Zuvor hatte es noch die in der Nacht angekündigte Kontrolle durch den Zoll gegeben. Ein junger Mann kommt mit seiner brandneuen Digitalkamera an Bord und kontrolliert eher halbherzig die eine oder andere Stelle. Dann macht er ein Foto von Carpes Bug, Heck und letztlich der Maschine mit ihrer Motornummer. Wird wohl was mit den Ein- und Ausfuhrbestimmungen bzw. der Vorbeugung eines Verkaufs oder Tauschs in Russland zu tun haben. Dann müssen wir noch einmal in das Gebäude auf dem mächtigen Ponton. Über enge Gänge und steile Treppen geht es in sein Mini-Büro, wo wir Platz nehmen. Der ganze Bau ist innen in Hornhaut-Umbra gehalten und scheint seit Sowjet-Zeiten kaum eine Veränderung erfahren zu haben. Nur die Computer und zahlreichen Überwachungskameras haben neuen Standard. Obwohl überall Verbotschilder hängen, filme ich ein paar kurze Sequenzen und sehe später auf den Aufnahmen, dass ich dabei genau unter einer der 360 Grad Überwachungsobjektive gestanden habe :-). Im Büro werden die üblichen Kopien, Stempel und Forumlare gefertigt bevor wir endgültig eingereist sind und sogar kurz das an sich abgeschlossene Gelände für eine kurzen Rundgang verlassen dürfen. Viel gibt’s hier allerdings nicht zu sehen. Kronstadt selbst ist zu weit weg und das verfallene Fort haben wir in ein paar Miunten erkundet. Also los nach St. Petersburg.

Dort sind wir mit Vladimir – unserem Sail-Agent – verabredet. Er hat uns einen Platz in der Central River Marina in einem Seitenarm der Newa besorgt. Dort angekommen winkt er auch schon am Steg. Die Gastplätze liegen außerhalb des geschützten Marinabeckens mitten im Fluß. Das bedeutet nicht nur Schwell bei vorbeifahrenden Fahrzeugen, sondern auch einiges an Strom. Die Anfahrt an den Schimmmsteg ist daher auch gar nicht so einfach. Am Ende kriegen wir es aber trotzdem ganz gut hin, legen Leinen und Fender und sind da. Vladi ist ein älterer Herr um die 60 und ein scheinbar netter Kerl. Unentwegt klingelt sein Handy über das er Kontakt mit den zwei andern Yachten hält, die zur Zeit im Binnerevier unterwegs sind. Nach kurzem gegenseitigen beschnuppern bekommen wir dann auch unsere Karten für das russische Revier, welche wir zuvor bei ihm geordert hatten. Insgesamt 3 große Bücher in denen alle wesentlichen Informationen auf kyrillisch vermerkt sind. Alles ist per Hand auf den (fast) neusten Stand korrigiert. Viele Infos wo und wann wir wie anlegen können, hat Vladi allerdings leider nicht. Das würde sich erstens oft ändern und zweitens sei er selbst schon einige Jahre nicht mehr in dem Revier unterwegs gewesen. Nun denn .. wir wollten ja Abenteuer. Nach einer Nostalgie-Dusche im Keller eines angrenzenden Gebäudes und einem Abendessen in einem nahegelegenen Restaurant endet der Tag in der Koje. Die Marina an sich scheint übrigens recht mondän zu sein. Zumindest liegen dort ein paar ganze schöne Oschis und in den umgebenden Gasthäusern finden Feiern und Hochzeiten statt. Auch hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die Gäste kommen mal im Bentley oder gleich per Hubschrauber. Die vorgenannte Dusche erinnert jedoch eher an eine Kaserne in den 60ern. Na ja .. die meisten werden sich wohl eher in ihrer eigenen Wellness-Oase amüsieren.

Für den nächsten Tag ist ein Ausflug in die Stadt sowie zum Peterhof geplant. Letzterer ist das russische Versailles und war die Residenz von Peter dem Großen. Die Fahrt wollen wir mit Alex, einem Bekannten von Viktor angehen. Der hatte sich angeboten uns in seinem alten GAS Wolga von 1985 zu kutschieren. Das war quasi die S-Klasse der Russen und ist somit ein echtes Stück Zeitgeschichte. Als wir ihn schließlich treffen ist die Begeisterung dann auch groß. Der Wagen ist echt der Hammer. Knallrote Plüschsitze, viel Kunstleder und eine dicke schwarze Karosserie lassen uns uns geich wie Erich Honecker auf Staatsbesuch fühlen. In der Stadt suchen wir dann zunächst mal einen Laden für eine SIM-Karte. Telefoniert man in Rssuland und darüber hinaus nämlich mit seiner deutschen Karte, können einen die Puff-Preise schnell in den Ruin treiben. Eine lokale Karte ist da deutlich günstiger und beinhaltet außerdem mit bis zu 40 GB eine nahezu unerschöpfliches Datenpotential. Bleibt abzuwarten wie die Abdeckung draußen in der Pampa ist. Dann gehts zur Bank. Am Geldautomat wird mir allerdings die Herausgabe von Barem verweigert. Also rein zum Schalter, Nummer gezogen und sich in die lange Reihe gesetzt. Wenig später sitzen wir am Schalter, erklären unser Problem und – zack- bekommen wir doch etwas cash. Warum den einfach wenns auch kompliziert geht .-) ?

Kreuz und quer durch die Stadt und entlang der Bucht von Petersburg geht’s zum Peterhof. Dort ist mächtig was los. Scheinbar hält sich gerade niemand mehr in China und Japan auf, denn so wie es aussieht sind die aller hier. Wahre Menschenmassen wälzen sich durch die prunkvollen Gärten und Anlagen. Besonders die vielen Brunnen und Fontänen sind eindrucksvoll. Später konne wir diese sogar noch auf einer separaten Führung „von unten“ besichtigen. Wirklich sehr schön hier. Und während ich so auf geschichtsträchtigem Grund wandele klingelt mein Handy. Es ist Michael aus Moskau. Michael war derjenige, der mich seinerzeit mit dem russischen Binnenfunkgerät versorgt hat. Nun ist er extra wegen uns aus Moskau her geflogen, um uns auch persönlich einen Besuch abzustatten. Er warte bereits in der Marina, in der wir uns für den frühen Abend verabreden. Im Hafen angekommen gibts dann ein nettes Hallo mit ein paar Bierchen und einem keinen Abendessen. Für den kommenden Tag verabreden wir uns außerdem für eine Tour durch die Innenstadt. Gute Nacht.

Die Nacht war mal wieder nix für schwache Nerven. Das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen lieben es die Russen zu feiern. Und wenn, dann auch richtig. Soll heißen die ganze Nacht wummert die Musik aus den nahen Clubs und Feier-Sälen bis in die frühen Morgenstunden. Dazu der Riesenschwell der Carpe regelmäßig wie einen Angelschwimmer am Steg tanzen und uns in die Leinen einrucken lässt. Und dann gibt es da noch den kauzigen Mann, der direkt auf unserem Steg eine kleinen Leuchtturm aus Holz baut. Bis nachts um ein Uhr hat er direkt neben uns mit seiner Flex hantiert und mir den letzten Nerv geraubt. Heute morgen hat der um 7 weiter gearbeitete und dann auch noch die Tür seinen Turms geben Carpes Rumpf geschlagen, Da musste mir mal kurz der Hintern platzen und siehe da … nur 5 Minuten später verabschiedet sich der „Künstler“ ins Wochenende und wünscht uns alles Gute.

Zusammen mit Michael gehts dann gegen Mittag in die Stadt. Dazu nutzen wir eines der vielen Taxis die man hier per App in nullkommanix bestellen kann und die einen für nen Appel und ein Ei überall hin kutschieren. Was folgt ist ein gut 10 km langer Fußmarsch zu allen wesentlichen Sehenwswürdigkeiten, Prachtstraßen und Plätzen. St. Petersburg ist echter der Oberhammer. Eine bunte Kultur-Metrolpole mit viel Wasser und Prunk. Dazwischen ein Verkehr wie in Manhattan und natürlich viel lebendige Geschichte. Wir sehen beispielsweise das Winterpalais (Erimitage), das berühmte Peter der Große Denkmal, die Blutkirche, den Panzerkreuzer Aurora und und und. Allein in der Stadt könnte man sicher Tage und Wochen zubringen, um die unzähligen Dinge zu bestaunen die es hier gibt. Zwischendurch nehmen wir immer wieder mal nen Snack und nen Kaffee. Einmal in einem schönen Park für den wir sogar Eintritt zahlen mussten. Geld verdienen tun die Menschen hier wohl genauso gerne wie überall sonst auf der Welt. Manches ist zwar wirklich günstig, anderes hingegen hat europäischen Standard oder ist sogar noch teurer. Einmal mehr stelle ich mir die Frage, wie sich das die normalen Einheimischen leisten können. Eine Kellnerin zum Beispiel verdient im Monat ungefähr 25.000 Rubel. Das sind in etwa 400 bis 500 Euro.

Die Tage in Petersburg verstreichen in Windeseile. Nach dem Wochenende stellt sich in der Marina fast so etwas wie Ruhe ein und neben uns hat Thomas – ein ebenfalls deutscher Segler – festgemacht, der gerade allein hier ist und sich bald mit seiner Holden in Stockholm treffen will. Wir bereiten uns derweil auf die Weiterfahrt ins russische Binnenland vor. In der Nacht von Sonntag auf Montag soll es losgehen. Der Beginn eines echten Kabinettstückchens a la Russland. Denn zunächst heißt es, wir sollen uns schon spätesten um 1 Uhr vor der ersten Brücke einfinden, um den Lotsen an Bord zu nehmen. Dann plötzlich heißt es, dass sei viel zu früh und der Lotse käme erst um viertel vor zwei an Bord. Um zwei Uhr morgens seien dann die Brücke auf uns wir könnten los. Wir planen also um 1 Uhr die Leinen los zu werfen und die Aufnahmestelle für den Lotsen anzusteuern. Um halb eins klingelt dann plötzlich das Telefon. Der Lotse ist dran und meint, wir müssten SOFORT losfahren, da das Wasser steige und wir ansonsten nicht unter der neuen Brücke hindurch kämen. „Welche neue Brücke ?“, frage ich Viktor, der ebenso ahnungslos ist. Wie sich herausstellt, gibt es vor der ersten Klappbrücke eine neue Brücke, die weder in Karten verzeichnet ist, noch von Vladi irgendwie erwähnt worden ist. Durch die noch angebrachten Gerüste sei die Brücke derzeit irgendwas zwischen 14 mter und 15,50 Meter hoch. Eine insoweit verlässliche Auskunft zu bekommen ist zunächst nicht möglich. Wir gehen also von 14 Meter aus, was selbst bei normalem Wasserstand für uns zu wenig wäre. Vladi und Lotse meinen dennoch, wir sollen trotzdem los fahren. Das würde schon passen. Also los .. in leichter Hektik schmeißen wir die Leinen los und ab geht die Fahrt zu besagter neuer Brücke. In der dämmrigen Beleuchtung taucht der Bau bald auf. „Das ist zu knapp.“, sage ich zu Viktor, der wie ein Derwisch an Telefon und Funk hängt und versucht aktuelle Infos zu bekommen. 100 Meter vor der Brücke klärt sich dann: „Die Brücke hat gerade nur 13,22 Meter Durchfahrthöhe.“ Ich drehe sofort ab und fluche laut in die Nacht. Denn damit ist klar, heute kommen wir nicht mehr durch St. Peterburg. Morgen soll ein neuer Anlauf auf einer anderen Route stattfinden. Bald mehr …

Video-Botschaft für Ingo Toepfer

27. Juni 2017 Besan 0

Viele Grüße aus Plotichnoe, einem kleinen urigen Dorf an der Swir. Nach dem gestrigen Gastfreundschaft-Overkill liegen wir heute wieder ganz alleine an einem Ponton und geniessen die Ruhe. Es wird Zeit für die dritte Video-Botschaft. Diese mal geht sie an meinen alten Freund Ingo Toepfer. Also dann Ingo, vielen Dank für deine Unterstützung und viel Spaß damit !!



Podporozhje

26. Juni 2017 Besan 1

Einen Gruß aus dem wilden Osten. Nach einem anstrengenden Tag mit Arbeitsplattform-Anleger bei drei Knoten Strom, Brücken-Durchfahrts-Roulette mit schwer bewaffneten Soldaten, Ankerversuch mit eingesammelter Schnur im Geschirr, Mega-Dusche vor und in einer Riesen-Schleuse haben wir in Podporozhje längsseits an einem Arbeitsschiff festgemacht. Die Besatzung hat uns mit Diesel, Strom und Essen versorgt. Außerdem haben uns die Jungs in die Stadt zum Einkauf gefahren. Und das Beste: Wir durften bei Ihnen duschen. Wodka mussten wir keinen trinken. Aber ein paar Bierchen. Diese Gastfreundschaft ist beeindruckend und fast schon etwas beschämend. Übermorgen gibt’s mal wieder ein Video. All good, Ahoi !

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Mandrogi

25. Juni 2017 Besan 1

Ahoi. Wir sitzen auf einem sowjetischen Monster-Ponton und trinken ein Spaten Dunkel für dezente 250 Rubel die Pulle. Der Ort heißt Mandrogi und ist wohl so ne Art Feriendorf. Es gibt einen Schwimmsteg mit Strom und dazu eine Million Mücken. Heute stand eine wirklich enge Brückendurchfahrt und die erste Schleuse auf dem Programm. Morgen geht’s ganz früh weiter, da wir durch eine weitere Brücke müssen die um 10 Uhr geöffnet wird. Bis dahin sind es allerdings knapp 30 Kilometer. Bald wieder etwas ausführlicher und mehr Bilder. All good, Ahoi.

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Auf der Swir

24. Juni 2017 Besan 1

Ich weiß ehrlich gesagt gerade gar nicht genau wo wir hier sind. Irgendwas mit Pole. Wir liegen nach ungefähr 70 km Flussfahrt durch dichte Wälder längsseits an einer uralten Barkasse und wurden von der kauzigen aber sehr hilfsbereiten zweiköpfigen Crew bereits mit Quellwasser ausm Kanister und sogar Strom versorgt. Im Ort ist nicht viel los. Nur in demkleinen Supermarkt trafen wir auf ein paar Menschen. Alles wirkt wie in den 50ern und 60ern. Interessant und morbid zugleich. Schade auch das seither offenbar nicht viel passiert ist. Der Muckenterror geht hier auch langsam los. All good, Ahoi.

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1000 Meilen

23. Juni 2017 Besan 1

Heute habe ich die 1000ste Meile seit meinem Aufbruch auf Fehmarn zurückgelegt. Zur Feier des Tages auf dem Ladogasee. Eigentlich hatten wir für heute einen Stegplatz reserviert. Der hat allerdings nur einen guten Meter Tiefe. Supi. Also liegen wir in der Swir vor Anker. Ahoi.

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Huhu …

22. Juni 2017 Besan 0

Unser Platz in Schlüsselburg. Einfach, aber klappt … irgendwie. Aaaahoi!


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Zwei lange Schläge nach Russland

22. Juni 2017 Besan 1

Ahoi ! Wie angekündigt hier also ein paar weitere Zeilen über unseren Weg zu Mütterchen Russland. Ich schreibe diese Zeilen in Schlüsselburg/Russland, wo wir mit Carpe an einer derben Steinmauer liegen, die laut Aussage der Einheimischen schon von Peter dem Großen errichtet wurde. Ringe oder Klampen gibt’s hier nicht, geschweige denn Strom, Wasser oder Toiletten. Unsere Leine haben wir an ein paar eingeschlagenen Stangen und uralten Ketten und Haken vertäut, die wir an der Mauer und auf der angrenzenden Wiese gefunden haben. Scheint aber irgendwie zu halten, denn die erste Nacht haben wir bereits hinter uns. Nun aber zurück zu unserem bisherigen Weg:

Es geht nach Haapasaari, einem kleinen Eiland unmittelbar an der finnisch-russischen Seegrenze. Von Hanko sind das immerhin 145 Seemeilen. Der bislang längste Schlag des Törns, für den wir je nach Verhältnissen 24 bis 30 Stunden veranschlagen. Der Morgen in Hanko ist zunächst üsselig. Es regnet, der Himmel ist wolkenverhangen und einmal mehr zieht es mich eher in die Koje als an Deck. Nicht zuletzt weil wir zu spät in die Heia sind und eigentlich nur 3 Stunden geschlafen haben. Nach Frühstück und Toilettenbesuch schlüpfen wir dennoch in unsere Thermounterwäsche und das knallrote Parasail-Ölzeug und werfen um 3 Uhr lokaler Zeit die Leinen bzw. den Bojenhaken los. Die angesagten 5 Windstärken aus Südwest sind bereits da und als wir wenig später die Segel setzen geht es mit durchschnittlich 6 Knoten hinaus aus den Schären raus aufs freie Wasser. Hier legen wir Kurs Ost an geben Carpe unter Windpilot die Zügel. Der Regen prasselt derweil ohne Unterlass herab. Es ist nicht nur kalt, sondern arschkalt und nach nur wenigen Stunden ist alles nass. Viktor zieht nach und nach alles an was er dabei hat und ähnelt in seinem Ölzeug bald einem Michelin-Männchen. Eisern sitzt er Stunde um Stunde im Cockpit oder geht Ruder. Nicht das ich ihn dazu zwingen würde, vielmehr kann er bei etwas raueren Verhältnissen nicht gut unter Deck ausharren und zieht es daher vor die Fahrt im Cockpit abzuwettern. Zwischendurch überrede ich ihn dann aber doch mal für eine knappe Stunde und ein Schläfchen unter Deck zu gehen. Insgesamt über 10 Stunden regnet es als ob es kein Morgen gäbe. Dann ist die Dusche plötzlich aus. Dafür zieht am Abend immer wieder Seenebel auf, der die Sicht stark einschränkt. Die paar Frachter und Tanker die hier kreuzen haben wir aber auf dem AIS gut im Blick und müssen uns insoweit keine wirklichen Sorgen machen. Unsere erwartete Ankunftszeit auf Haapasaari liegt bei ungefähr 5 Uhr Dienstag morgen.

Die Nacht ist wie schon fast gewohnt nicht wirklich dunkel. Nur der immer wieder durchwabernde Nebel und die Wolken sorgen heute für etwas schattigere Stimmung als sonst. Der Wind dreht mehr und mehr auf West, was auch so gemeldet war. Irgendwann bläst es mit guten 30 Knoten genau von achtern. Zeit also das Groß zu bergen und fortan mit der Genua gen Ost zu rauschen. Das Vorsegel ist dabei auf etwa die Hälfte seiner vollen Fläche gerefft, treibt uns aber trotzdem mit über 6 Knoten voran. Der Windpilot muss jetzt schon seine ganze Steuerkunst aufwenden um Carpe auf Kurs zu halten. Die Wellen die von achtern anrollen sind nämlich mittlerweile sicher gute 2 Meter hoch. Zwischendurch rollen immer wieder eine Handvoll noch höhere Wasserberge heran und heben uns für kurze Momente wie auf eine Aussichtsplattform an. Wenig später geht es dann wieder rauschend runter ins Wellental herab. In der Anfahrt nach Haapasaari kommt dann doch noch etwas Verkehr auf. Zunächst nähert sich von hinten die „FINNWAVE“ auf fast genauem Kollisionskurs mit uns. Die Sicht ist immer noch schlecht, sodass wir den Frachter selbst als er nur noch eine halbe Meile entfernt ist nicht mit bloßem Auge ausmachen können. Zur Sicherheit springe ich an den Funk und rufe den Finnen an. Der meldet sich prompt auf Kanal 16 und bestätigt auf meine Anfrage, dass er uns gut auf dem Radar sieht und an Steuerbord überholen wird. Eine gute Stunde später nähern wir uns dann einr großen Reede. Hier manövrieren gleich zwei große Frachter auf der Suche nach einem geeigneten Ankerplatz. Mit einer Halse weichen wir großzügig aus. Das Manöver führt uns bis auf 3 Meilen an die finnisch-russische Grenze heran. Die auf der Seekarte nur dünne Linie habe ich mir zuvor zur Sicherheit dick markiert, um diese nicht aus Versehen zu überfahren. Das könnte nämlich doch etwas Mecker geben, zumal die erste russische Insel Ostrov Gogland bereits in der Ferne zu erahnen ist. Eine weitere Halse bringt uns wieder auf Kurs Haapasaari. Entang der Grenze geht es so für drei weitere Stunden voran. Irgendwie werden wir das Gefühl nicht los beobachtet zu werden. Denn auf dem nahen Gogland (RUS) soll eine große Radar- und Horchbasis liegen. Dementsprechend ist die ganze Insel auch Sperrgebiet.

Die letzten Meilen nach Haapasaari haben es dann doch nochmal in sich. Der Wind hämmert nach wie vor mit um die 30 Knoten von achtern. Die Genua haben wir geborgen und die Maschine für die finale Anfahrt gestartet. Dann sehen wir vor uns plötzlich Dutzende Bojen und Fähnchen im Wasser. „Das sind Netze !“, ruft Viktor durch den Wind. Vorsichtig umkurve ich die vielen bunten Markierungen bis ich plötzlich dahinter ganze Reihen von weißen und roten Bojen sehe. „Das sind keine Einzelnetze mehr, sondern Stellnetzreihen !“, plärre ich zurück, „Da kommen wir nicht durch !“. Ich bin echt bedient. Wir befinden uns ziemlich genau in der empfohlenen Anfahrt für die finnische Insel und sind in einem Meer aus Bojen und Netzen gefangen. Dazu kommen Müdigkeit, Kälte und Nässe sowie die wachsende Ungeduld auf den Landfall. Ab er es hilft nix, wir drehen auf engem Raum und müssen mit einem großen Bogen erneut anfahren. Das klappt schlielßlich besser und wir können zwischen den vorgelagerten Inseln Haapasaaris die Leine und Fender klarmachen. Vorbei an dem großen „Passport Control“ Posten der finnischen Grenz-Behörden steuern wir bald in die kleine zentrale Bucht ein. Das Zugangsfahrwasser ist betonnt. Das ist auch gut so, denn rechts und links ragen mächtige Felsen aus dem Wasser und man kann deutlich den Meeresgrund sehen. Das Fahrwasser selbst ist außerdem so eng betonnt, das zwei Boote dieses nicht gleichzeitig befahren können. In der Bucht ist der Seegang dann von jetzt auf gleich verschwunden und auch der Wind wird gut abgeschirmt. Wir wählen den zuvor auf der Karte ausgemachten Steg der kleinen Tankstelle als Anlegepunkt aus und machen dort um ziemlich genau 4 Uhr Dienstag morgen, nach 25 Stunden, die Leinen fest. Dann eben noch kurz mit der Dieselheizung durchgeheizt und ab in die Koje. Uff !

Mittags sind wir wieder auf den Beinen und unternehmen eine erste Erkundungstour über die Insel. Der etwa 15 Meter lange Holzsteg hat führt vorbei an einem kleinen Schuppen und einem Plumpsklo an Land. Dort steht auch gleich das erste Häuschen in dem ein kleiner Laden untergebracht ist. Obwohl eigentlich noch geschlossen, werden wir eingelassen und schauen uns kurz um. Dann gehts weiter Richtung Zoll-Station wo wir mit unseren Pässen und Bootspapieren schon mal ausklarieren wollen, bevor es morgen nach Kronstadt/Russland gehen soll. Nur gute 10 Minuten dauert der Fußmarsch über enge Pfade, und von der Eiszeit glattgeschliffene Felsenflächen. Menschen sehen wir zunächst keine. Nur ein paar Holzhäuschen und die Laden-Verkäuferin, die uns etwas später mit ihrem Quad überholt. An der Zollstation ist dann auch zunächst keine Socke. Im zentralen Gebäude treffen wir auch zunächst nur auf leere Büros in den einige PC`s und Bildschirme brummen. Also rufe ich mal ins Blaue und plötzlich tauchen gleich drei Uniformierte auf, die uns neugierig beäugen. Ein kurzer Talk lässt und dann wissen, dass wir erst am Tag der tatsächlichen Ausreise auschecken können. Soll heißen, wir müssen morgen um 8 Uhr an den großen Anlegesteg des Kontrollpunkts kommen, um dort die notwendigen Formalitäten abzuwickeln. Also gehen wir unverrichteter Dinge wieder zurück und erkunden jetzt die andere Seite der Insel. Auch hier viele kleine Holzhäuschen, hier und da sogar ein paar Menschen und an nahezu jedem Seegrundstück ein Bötchen im Wasser. Nach einer guten Stunde sind wir wieder zurück an Bord. Da an unserm Steg weder Wasser noch Strom liegen, fragen wir den urigen Laden-Besitzer, ob er vielleicht ein Kabel für uns legen könnte. Und tatsächlich. Nur wenig später wird aus dem kleinen Schuppen eine Verlängerungsschnur an unser Boot gelegt und nur Augenblicke später sorgt der Heizlüfter für muckelige und zunehmend trockene Stimmung im Salon. Außerdem fragt uns der Finne, ob wir nicht Lust haben in die Sauna zu gehen. Das haben wir, als der aber sagt, dass das erst frühestens uns um 21 Uhr abends ginge, lehnen wir dann doch ab. Immerhin wollen wir am nächsten Morgen früh raus . Zwei Saunagänge kurz davor würden uns doch eher schlapp als fit machen.

Der nächste Morgen beginnt um 6 Uhr. Es ist bereits taghell und eisekalt. Noch einmal schmeiße ich kurz die Heizung an, um das kleine Frühstück etwas gemütlicher zu gestalten. Um 7.30 Uhr sind wir bereits unterwegs zum Passport-Check. Ein finnischer Beamter nimmt unsere Papiere an sich und verschwindet dann für eine gute halbe Stunde. Dann bekommen wir die Dokumente und eine vom Zoll abgestempelte Crewliste zurück. Das ist dann auch das Dokument für die Einreise nach Russland. Mit einem zweiten Beamten geht es dann an Bord, wo eine recht halbherzige Bordbesichtigung stattfindet. Ich muss die Schränke und Stauräume öffnen und hier und da wird mal etwas gefragt. Wirklich gesucht wird aber nicht .. wonach auch !? Gegen 8.30 Uhr verlassen wir dann Haapasaari endgültig, setzen die Tücher und rauschen bei 5 bis 6 Beaufort Kurs Südost direkt zur finnisch-russischen Grenze. Schon um zehn Uhr passieren wir die unsichtbare Linie und rufen wie zuvor von Sail-Agent Vladimir empfohlen die russische Küstenwache an. Der Funk rauscht allerdings nur minutenlang ohne Antwort. Spontan nehme ich unsere Handfunke dazu und schalte diese ein. Dort dann plötzlich eine schwer verständliche, sehr verrauschte Antwort. In x Anläufen gelingt es uns dann, uns anzumelden. Die Küstenwache bestätigt derweil uns auf dem Radar zu beobachten und wünscht eine gute Fahrt nach Kronstadt. Wir sind in Russland !

Die Fahrt verläuft alles in allem gut, zieht sich aber ganz schön. Grund dafür sind immer wieder kurze Windlöcher die die Segel schlagen lassen und uns teilweise sogar zwingen den Diesel zuzuschalten. Da heute aber die Sonne scheint und die Temperaturen im Tagesverlauf angenehm werden, stört das nicht weiter. Viktor geht wieder eisern Ruder und steuert uns weiter Richtung Kronstadt. Kronstadt ist ein vorgelagertes Städtchen St. Petersburgs und auf einer kleinen Insel untergebracht, die auch die Zufahrt in die Bucht vor Petersburg markiert. Die ganze Bucht ist zusätzlich mit einem Sperrdamm gegen die offene See geschützt. Alles Errungenschaften von Peter dem Großen, seines Zeichens auch Gründer und Namensgeber von St. Petersburg. Die letzten Meilen ziehen sich endlos dahin und wir wünschen uns den Landfall nun immer mehr herbei. Schließlich passieren wir gegen Mitternacht die große Einfahrt nach Kronstadt. Im noch hellen Licht beobachten wir dabei das mächtige Sperrwerk, welches hier bei Sturmfluten die komplette Durchfahrt verschließen kann. Ein ähnliches Bauwerk gibt es glaube ich auf der Themse und soll London schützen. Hinter dem Durchlass sehen wir dann an Backbord ein Blitzlicht auf einem Hausdach und witzeln noch: „Die meinen bestimmt uns …“. Aber genauso ist es. Denn als wir kurze Zeit später an dem Gebäude vorbei fahren, wird laut gerufen und wir herangewunken. Da wären wir doch fast an dem Zollposten vorbeigefahren, denn auf unserer Karte war dieser etwas weiter hinten eingezeichnet. Anyway .. wir drehen auf der Stelle und machen kurz darauf die Leinen an einem riesigen stählernen Schwimmponton fest, an dem auch die Titanic hätte anlegen können. Wer nun glaubt, es wäre für heute geschafft, der täuscht sich, Denn jetzt gehts erst richtig los. Es kommen zwei Beamte an Bord, versorgen uns mit vielen Formularen und beginnen eine Durchsuchung des Boots. Es ist mittlerweile halb eins und ich bin ziemlich im Eimer. Dennoch müssen wir das Ganze Prozedere jetzt und hier erledigen. Gesetz ist eben Gesetz. Die beiden Beamten (ein Mann und eine Frau) suchen nun schon etwas genauer, während die Dame mit einer Videokamera bewaffnet alles filmisch dokumentiert und festhält. Nach 20 Minuten ist Carpe geprüft und für in Ordnung befunden. So wirklich streng ist das Ganze aber auch hier nicht. Nun müssen wir noch die ganzen Formulare ausfüllen und uns anschließend in einem Container a là DDR-Grenze melden. Hier wieder eine adrette Blondine in schicker Uniform hinter einer dicken Glasscheibe. Es wird palavert, Formulare geprüft und unsere Unterlagen kopiert. Dann ist es endlich vollbracht und wir fallen nach einem Butterbrot totmüde in die Koje. Morgen soll dann noch die Zollkontrolle stattfinden, bevor wir endlich nach St. Petersburg weiterreisen dürfen. Do swidanije !

Schlüsselburg …

21. Juni 2017 Besan 1

… ist erreicht. Vor den Toren des Ladogasees liegen wir an einer einfachen Mauer. Hier beginnt ganz klar die postsowjetische Realität. Es ist aber trotzdem sehenswert und interessant. Freitag wollen wir weiter Richtung Swir, den Fluss zu Europas zweitgrößtem See Onega. Es ist übrigens recht frisch und regnerisch. Der Wind hat heute mit bis zu guten sechs geblasen. Morgen schreib ich mal wieder etwas länger. Dos swidanije & Ahoi …

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Auf der Newa

20. Juni 2017 Besan 0

Es ist vollbracht. Wir sind durch St. Petersburg durch und haben auch die letzte Hubbrūcke vor Schlüsselburg passiert. In der Newa teilweise 5 Knoten Gegenstrom und zwischendurch ein Anleger an einer Baggerplattform zum warten. Der Hammer. Seit gestern Abend 19 Uhr waren wir unterwegs. Seit 14.30 Uhr sind nun die Leinen fest. Ein Minihafen in the middle of nowhere etwa 10 km vor Schlüsselburg. Ahoi.

Facebook Live-Video St. Petersburg

Chaos

19. Juni 2017 Besan 5

Was für ein Chaos. Zunächst heißt es wir, sollten um Mitternacht losfahren um den Lotsen abzuholen. Dann werden wir gebeten doch erst Um eins loszufahren. Um halb eins klingelt das Telefon, wir müssten sofort los da der Wasserstand steigt und wir sonst nicht unter die erste Brücke passen. Also los. Hundert Meter vor der Brücke dann die Info, dass die Brücke selbst bei normalem Wasserstand zu tief ist. Von besagter – neuer – Brücke wussten wir bis dato übrigens nichts. Also Abbruch und zurück in die Marina. Morgen neuer Anlauf auf komplett neuer Route mit Riesen Umweg. Willkommen in Russland.

Es geht weiter

18. Juni 2017 Besan 1

Moin zusammen und Gruss aus dem nach wie vor sonnigen St. Petersburg. Nachdem wir uns gestern in der wirklich sehenswerten Stadt die Hacken schief gelaufen haben, steht heute ein etwas entspannterer Tag auf dem Programm. Wasser tanken, Proviant nachbunkern und vielleicht noch etwas Körperpflege, dann wollen wir heute um Mitternacht zur ersten Brücke der Newa aufbrechen, dort den Lotsen an Bord nehmen und anschließend durch das nächtliche Petersburg tuckern. Ich bin schon ganz gespannt. Nachher kommt auch nochmal Sail-Agent Vladimir an Bord um letzte Dinge mit uns zu besprechen. Das Wetter soll heute im Laufe des Tages etwas eintrüben und für die Nacht ist sogar etwas Regen gemeldet. Na mal schauen. Am Stadtrand von St. Petersbrug werden wir dann nochmal eine Pause einlegen bevor es abends weiter Richtung Schlüsselburg und den beiden letzten Brücken der Newa geht. Keep on tracking und bis später !

Foto-Shooting im russian style !
Foto-Shooting im russian style !

From Russia with love

17. Juni 2017 Besan 3

Nach zwei langen Etappen gen Osten und nunmehr schon zwei Tagen in St. Petersburg, wird es Zeit für einen neuen Blog-Eintrag über die zurückliegenden Ereignisse. Ich sitze in Carpes Bauch. Draußen ballert sie Sonne bereits den dritten Tag in Folge und am Heck plätschert leise die Strömung eines Seitenarms der Newa, dem mächtigen Fluss, der mitten durch St. Petersnburg fliesst. Viktor sitzt derweil in der Bugkoje und fummelt an seinem Fluss-Funkgerät herum, welches er sich aus welchem Grund auch immer zusätzlich gekauft hat. So langsam komme ich mir hier vor wie in einem Elektronik-Fachgeschäft, so viel Funk-, Navigations-, Handy- und Tracking-Gedöns fliegt hier herum. Und apropos Elektronik. Wie jeden Tag, gab es auch heute morgen eine Überraschung. Unser lieber Nachbar hat heute Nacht nämlich mal eben unseren Landstrom ausgestöpselt und so sind alle Akkus die eigentlich laden sollten noch immer leer. Irgendwie hat man manchmal das Gefühl, dass hier jeder einfach macht was er will. Dazu aber später mehr. Zunächst mal zurück nach Finnland, genauer gesagt nach Utö.

Nach zwei schönen Tagen auf dem kleinen Felsen-Eiland ging es am Morgen des 8. Juni los. Auf dem Programm steht ein kurzer Schlag von etwa 35 Seemeilen nach Rosala/Nötholm. Einem kleinen Hafen etwa 20 Seemeilen vor Hanko und damit ein guter Zwischenstopp auf meinem Weg zu eben dieser westlichsten Stadt Finnlands. Die Sonne scheint, jedoch ist der Wind nach dem gestrigen Starkwind heute fast gänzlich eingeschlafen. Also erst mal den Jockel an und ungefähr 3 Stunden durch das große Schärenfahrwasser Richtung Osten. Im Laufe des Vormittags stellt sich dann doch etwas Wind ein und ich setze die Segel .. gut so. Zwar eiern wir recht langsam aber dafür wieder ohne Dieselverbrauch und Geknatter meinem heutigen Etappenziel entgegen. Wie üblich mache ich zwischendurch ein 10 Minuten-Lünzjen („Koblenzerisch“ für Schläfchen) , da plappert es plötzlich aus dem Funk: „Carpe Diem, Carpe Diem, Carpe Diem …“. Noch leicht benebelt denke ich, „… war das für mich ?“. Ich stolpere zur Funke und antworte. Und tatsächlich, der Funkspruch galt mir. Ein ebenfalls deutscher Skipper, der entweder auch Guido hieß oder mich eben so ansprach, meldet sich von seiner etwa 25 Fuß langen kleinen Segelyacht, die mich gerade in etwa 50 Meter Abstand auf Gegenkurs passiert. Und während ich noch überlege , dass das mit den Lünzjen vielleicht hier doch so keine gute Idee ist, beginnt ein kurzer netter Plausch über das übliche Seemanngsarn wie Wetter, Route Ziele und so weiter und so fort. Dann ziehen wir beide wieder unserer Wege und schon bald ist die kleine Yacht des Gesprächspartners achteraus verschwunden. Die restliche Fahrt verläuft dann auch undramatisch. Hier und da kreuzen ein paar andere Segler und Motorboote meinen Weg. Dazwischen immer wieder die vielen keinen Fähren, welche die unzähligen Inselchen miteinander verbinden und nun weiß Gott keine Rücksicht auf irgendwelche dem Fahrwasser folgenden Boote nehmen. Um halb vier Nachmittags habe ich dann die Leinen gfest. Rosala liegt in einer kleinen, bewaldeten Bucht und hält sofort das, was der Hafenführer mit ein paar Bildchen angekündigt hat. Gemütlich, finnisch, ja fast kandisch mutet es hier an. An den Stegen liegen gerade mal zwei andere Boote. Also massig Platz zum längsseits anlegen. Gerade habe ich meine Strippen fest da kommt eine finnische Familie den Steg entlang und hält zielstrebig auf mich zu. Der Papa sieht aus wie ein Wikinger, lacht freundlich und spricht mich gleich ganz aufgeregt und interessiert an. Er würde mein Boot aus dem Internet kennen und könnte es gerade gar nicht glauben mich hier zu treffen. Einmal mehr bin ich platt wie ne Flunder wie weit die Reichweite meiner Filmchen in der Zwischenzeit geworden ist. Der Finne heißt jedenfalls Janni und ist ein echt netter Kerl. Er ist zusammen mit Frau und Tochter im Jahresurlaub und was liegt da näher, als den finnischen Archipelago mit seinen zigtausend Inseln unsicher zu machen. Wir trinken ein Bier auf seiner 37er Bennetau, schwatzen über dies und das, bevor es für mich ein erstes mal kurz an Land geht. Im Sommer scheint auch hier mächtig was los zu sein, denn an Land finden sich gleich mehrere Einrichtungen die darauf schließen lassen. Ein kleiner Boots-Shop, ne Tanke, Kiosk und Cafe, Sauna und sogar ein kleiner Tante-Emma-Laden sind vorhanden. Der Laden hat geöffnet und so trete ich gleich ein und kaufe ein paar Kleinigkeiten. Die bucklige Laden-Chefin ist freundlich, spricht aber kein Gramm Englisch, was den kurzen Talk etwas erschwert. Nach einer Dusche und einem gemütlichen Abend geht’s dann ab in die Heia.

Der nächste Morgen ist mucksmäuschenstill. Die Bucht liegt ganz still um mich herum. Ein paar Mücken schwirren herum und es bläst kein Lüftchen. „Ich glaube ich bleibe heute noch hier“, überlege ich. Spätestens morgen muss ich in Hanko sein, wo Viktor am Abend mit dem Zug eintreffen soll. Und genauso mache ich es dann auch. Ich zahle eine weitere Nacht im Mini-Laden (20 Euronen), fülle Diesel und Wasser auf und sorge für etwas Ordnung an Bord. Immerhin will ich morgen keine komplette Rumpelkammer vorweisen, wenn Viktor n Bord kommt. Nachmittags unternehme ich dann eine kurze Wanderung in das nahegelegenen Dorf Rosala. Etwa 3 km geht es durch dichten Wald, vorbei an vielen kleinen Wochenendhäuschen bis ich den Ort erreiche. Der Grund für meinen Besuch ist das hier beheimatete „Viking Centre“, ein Freilicht-Museum über die mittelalterlichen Haudegen, welche unter anderem auch hier früher ihr Unwesen getrieben haben sollen. Ein Dreiviertelstündchen bin ich unterwegs, muss trotz des übersichtlichen Orts sogar einmal nach dem Weg fragen und erreiche schließlich die liebevoll und offenbar in privater Eigeninitiative gestaltete Ausstellung. Auf einem großen Gelände gibt es ein kleines Besucherzentrum mit Filmvorführung und originalgetreu nachgebauten Häusern, Schuppen, einer Kirche, Waffenarsenal und sogar zwei Wikingerschiffe. Auf dem ganzen Gelände laufen außerdem entsprechend gekleidete Wikinger und „Wikingerinnen“ herum. Janni und Family sind auch am Start. Ansonsten ist nicht viel los, was für urige Stimmung sorgt und ein eigentümliches Mittelalter-Feeling aufkommen lässt. Schön hier. Zurück im Gasthafen sehe ich dann hinter mir eine neues Motorboot am Steg. Am Heck ein deutsche Flagge und an Bord ein deutsches Rentner-Ehepaar auf mehrmonatiger Fahrt durch die Ostsee. Auch hier folgt der übliche Schnack, gefolgt von einer Diskussion über die Vorzüge und Nachteile einer Kurzwellenfunkanlage, mit der der Eigner sogar Gespräche bis nach Japan führen und verfolgen kann.

Es wird Zeit für Hanko. Gute 20 Meilen beträgt die Distanz, die aufgrund des erneut schwächelnden Winds heute nochmal unter Maschine zurücklegt wird. Wieder folge ich dem Fahrwasser, welches ich mir wegen des Wochenendes mit vielen anderen Wassersportlern teile. Eins fällt dabei mal wieder auf. In Finnland braucht man keinerlei Bootsführerschein oder sonstige Qualifizierung zum Führen eines Bootes. Diese Info habe ich aus dem Revierhandbuch. Außerdem steht dort zu lesen, dass man sich deshalb auf mitunter unkonventionelles Fahren, insbesondere sehr schnelle Boote und nicht immer regelgerechtenn Manövern einstellen soll. Und genau so isses auch. Der Finne kennt offenbar nur zwei Gashebel-Stellungen .. voll oder eben leer. Dazwischen gibts nix. Im Fahrwasser hämmern alle 10 Minuten irgendwelche PS-Monster mit bis zum Anschlag aufgerissenen Vergaserklappen an mir vorbei.Vorzugsweise in ungefaähr 3 Meter Abstand, was snicht nur einen Höllenlärm macht, sondern auch für Schwell sorgt der mich immer wieder aufs Neue durchschüttelt. Außerdem halten die Boote oft bis zum letzten Moment genau auf einen zu. Da muss man echt geschmeidig bleiben und darauf hoffen, dass einen der Fahrer sieht und rechtzeitig ausweicht. Mit meinen gut 4 Knoten Jockelfahrt kann ich da eh nicht viel ausweichen.

Kurz vor der Ankunft in Hanko geht es noch durch eine enge Zufahrt mit Revierwachturm und x Kardinalstonnen die vor den vielen Felsen und Untiefen warnen. Im großen Hafen mache ich dann wenig später fest. Nach längerer Zeit mal wieder mit der guten alten Heckboje, was aber gut und problemlos klappt. Der Hafen its im Gegensatz zu den vorherigen Stationen gut besucht. Im Laufe des Nachmittags trudeln immer mehr Boote und Yachten ein, die den Steg zu nahezu zwei Dritteln auslasten. Bei der Hafenmeisterin buche ich zunächst eine Nacht für 28 Öcken und erhalte einen WIFI-Code der ausnahmsweise aber mal nicht funktioniert. Außerdem schmeisse ich eine Maschine Wäsche an und genehmige mir eine Dusche. Dann beginnt das Warten auf Viktor. Um halb acht soll er kommen und deshalb wundere ich mich, als ich um kurz vor halb sieben eine SMS von ihm bekomme, dass er gleich da sei. Der Grund dafür ist aber schnell gefunden. Ich Vollhirsch habe es nämlich bislang nicht geschnallt, dass in Finnland keine MESZ gilt, sondern die Uhren eine weitere Stunde vorgestellt werden müssen. Das ganze nennt sich dann OESZ (Osteuropäische Sommerzeit). Und ich Doofmann hatte mich auf Utö schon mal über die unzuverlässigen Öffnungszeiten des Kaufmannsladen gewundert :-). Jedenfalls ist Viktor da und nach kurzem Marsch durch das nicht besonders ansehnliche Hanko gibt es ein großes Hallo. Zurück durch die grauen und etwas tristen Straßen des etwa 9000 Einwohner zählenden Städtchens gehts zur Marina. Die betonnierten Bürgersteige sind ganz schön marode und sogar Viktor meint, dass ihn der ein oder andere Straßenzug an seine Kindheit in Sibirien erinnere. Der Hafen hingegen ist eine fast schon pulsierende Zentrale des Städtchens. Überall ist viel los, es gibt eine gute Handvoll Restaurants und Cafes und die Dorfjugend knattert mit Mopeds und aufgemotzten Autos durch die Pampa. Den Abend beschließen wir mit einer Pizza und einem 7,50 Euro Bier beim Finnen-Italiner.

Den nächsten Tag verbringen wir noch komplett in Hanko und versorgen uns mit dem Nötigsten im Supermarkt. Ansonsten gammeln wir ein wenig, gehen auf die nahegelegene Aussichtplattform und kochen abends lecker Nudeln. Zudem wundere ich mich kurz, als ich für die weitere Nacht plötzlich 5 Euro weniger bezahlen muß als am Vortag und der nun völlig andere WIFI-Code jetzt auch funzt. Für den kommenden Tag ist eine stabile Windlage aus zunächst Südwest und später genau West gemeldet. Die Brise soll dabei von zunächst 15-20 auf später über 30 Knoten zunehmen. Also eigentlich genau meine Verhältnisse, die eine schnelle Fahrt und einen guten Kurz versprechen. Von daher haben wir uns auch dazu entschlossen Helskini links liegen zu lassen und in einem langen Schlag bis nach Haapasaari durchzurauschen. Die kleine Insel ist der letzte finnsiche Außenposten vor der russischen Grenze und zugleich er Ort zum ausklarieren. Dazu bald mehr … Ahoi !

Russland

16. Juni 2017 Besan 1

Wir haben’s geschafft. St. Petersburg ist erreicht. Die Einreise war ok, wenn auch ungewohnt aufwändig. Gerade ist viel los und seit heute bin ich auch erst wieder online. Der nächste Blog und Bilder folgen also bald. Von daher noch etwas Geduld. Ich geb wie immer alles. Ahoi !

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Haapasaari

13. Juni 2017 Besan 7

Einen echten Power-Schlag haben wir da gestern hingelegt. Gleich morgens um drei lokaler Zeit ging es mit dem aufkommenden Südwest aus Hanko los. Unser Ziel: Haapasaari in etwa 140 Seemeilen Entfernung. Der letzte Außenposten Finnlands unmittelbar an der russischen Grenze. Die Fahrt war lang und kalt. Hinzu kam eine fast elfstündige Dauerdusche und schlechte Sicht. Wirklich alles war und ist nass. Auf den letzten Meilen dann über 30 Knoten Wind von achtern und bemerkenswert hohe Wellen für die Ostsee. Am frühen morgen müssen wir dann noch duzende Fischernetze und Reusen umkurven bevor wir um 4 Uhr endlich die Leinen fest hatten. Die Insel ist mal wieder der Hammer. Dazu später mehr. Bei den Grenzern waren wir eben auch schon. Allerdings müssen wir morgen unmittelbar vor unserer Abfahrt nach Kronstadt ausklarieren. Dass russische Abenteuer beginnt also. Ahoi.

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