„Dobryy den“ aus Voznesen`e an den Toren zum Onega See. Gut 4 Tage haben wir für die Passage der ca. 200 km langen Swir gebraucht. Die Fahrt war hier und da doch recht abenteuerlich. Der Gegenstrom hielt sich mit 0,5 bis max 3 Knoten zwar zumeist in Grenzen. Eine anstrengende Nacht vor Anker sowie 4 Nächte längsseits an irgendwelchen Barkassen und Pontons stehen aber auch im Logbuch. Hinzu kommen einige knappe Brückendurchfahrten, diverse Harakiri-Anleger an Arbeitsplattformen und viel viel Regen. Die Gegend erinnert vielerorts an Kanada mit seinen dichten, tiefgrünen Wäldern. Nun stehen wir In Voznesene unmittelbar an der Zufahrt zum Onegasee, dem immerhin noch zweitgrößten Binnensee Europas. In Carpes Salon schwirren ein paar Mücken die uns nerven und draußen am Steg stehen die üblichen Angler und hoffen auf guten Fang. Gestern haben wir übrigens versucht an einem schönen neuen Steg mit Landstrom festzumachen, wurden aber sofort von einem uniformierten verscheucht. Wie wir heute morgen erfahren haben, handelt sich bei dem Inselchen um eine Datscha von Vladimir Putin (ungelogen), der sogenannten Vladimir-Burg … hoppla. Nun denn … Zeit für einen weiteren Blogeintrag.
St. Petersburg, wir sind nun also so richtig in Russland angekommen. Gute 3 Stunden hat der Weg von Kronstadt bis in die Metropole gedauert. Wegen des fehlenden Winds in der Lagune vor Petersburg haben wir die 15 km unter Maschine zurückgelegt. Zuvor hatte es noch die in der Nacht angekündigte Kontrolle durch den Zoll gegeben. Ein junger Mann kommt mit seiner brandneuen Digitalkamera an Bord und kontrolliert eher halbherzig die eine oder andere Stelle. Dann macht er ein Foto von Carpes Bug, Heck und letztlich der Maschine mit ihrer Motornummer. Wird wohl was mit den Ein- und Ausfuhrbestimmungen bzw. der Vorbeugung eines Verkaufs oder Tauschs in Russland zu tun haben. Dann müssen wir noch einmal in das Gebäude auf dem mächtigen Ponton. Über enge Gänge und steile Treppen geht es in sein Mini-Büro, wo wir Platz nehmen. Der ganze Bau ist innen in Hornhaut-Umbra gehalten und scheint seit Sowjet-Zeiten kaum eine Veränderung erfahren zu haben. Nur die Computer und zahlreichen Überwachungskameras haben neuen Standard. Obwohl überall Verbotschilder hängen, filme ich ein paar kurze Sequenzen und sehe später auf den Aufnahmen, dass ich dabei genau unter einer der 360 Grad Überwachungsobjektive gestanden habe :-). Im Büro werden die üblichen Kopien, Stempel und Forumlare gefertigt bevor wir endgültig eingereist sind und sogar kurz das an sich abgeschlossene Gelände für eine kurzen Rundgang verlassen dürfen. Viel gibt’s hier allerdings nicht zu sehen. Kronstadt selbst ist zu weit weg und das verfallene Fort haben wir in ein paar Miunten erkundet. Also los nach St. Petersburg.
Dort sind wir mit Vladimir – unserem Sail-Agent – verabredet. Er hat uns einen Platz in der Central River Marina in einem Seitenarm der Newa besorgt. Dort angekommen winkt er auch schon am Steg. Die Gastplätze liegen außerhalb des geschützten Marinabeckens mitten im Fluß. Das bedeutet nicht nur Schwell bei vorbeifahrenden Fahrzeugen, sondern auch einiges an Strom. Die Anfahrt an den Schimmmsteg ist daher auch gar nicht so einfach. Am Ende kriegen wir es aber trotzdem ganz gut hin, legen Leinen und Fender und sind da. Vladi ist ein älterer Herr um die 60 und ein scheinbar netter Kerl. Unentwegt klingelt sein Handy über das er Kontakt mit den zwei andern Yachten hält, die zur Zeit im Binnerevier unterwegs sind. Nach kurzem gegenseitigen beschnuppern bekommen wir dann auch unsere Karten für das russische Revier, welche wir zuvor bei ihm geordert hatten. Insgesamt 3 große Bücher in denen alle wesentlichen Informationen auf kyrillisch vermerkt sind. Alles ist per Hand auf den (fast) neusten Stand korrigiert. Viele Infos wo und wann wir wie anlegen können, hat Vladi allerdings leider nicht. Das würde sich erstens oft ändern und zweitens sei er selbst schon einige Jahre nicht mehr in dem Revier unterwegs gewesen. Nun denn .. wir wollten ja Abenteuer. Nach einer Nostalgie-Dusche im Keller eines angrenzenden Gebäudes und einem Abendessen in einem nahegelegenen Restaurant endet der Tag in der Koje. Die Marina an sich scheint übrigens recht mondän zu sein. Zumindest liegen dort ein paar ganze schöne Oschis und in den umgebenden Gasthäusern finden Feiern und Hochzeiten statt. Auch hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die Gäste kommen mal im Bentley oder gleich per Hubschrauber. Die vorgenannte Dusche erinnert jedoch eher an eine Kaserne in den 60ern. Na ja .. die meisten werden sich wohl eher in ihrer eigenen Wellness-Oase amüsieren.
Für den nächsten Tag ist ein Ausflug in die Stadt sowie zum Peterhof geplant. Letzterer ist das russische Versailles und war die Residenz von Peter dem Großen. Die Fahrt wollen wir mit Alex, einem Bekannten von Viktor angehen. Der hatte sich angeboten uns in seinem alten GAS Wolga von 1985 zu kutschieren. Das war quasi die S-Klasse der Russen und ist somit ein echtes Stück Zeitgeschichte. Als wir ihn schließlich treffen ist die Begeisterung dann auch groß. Der Wagen ist echt der Hammer. Knallrote Plüschsitze, viel Kunstleder und eine dicke schwarze Karosserie lassen uns uns geich wie Erich Honecker auf Staatsbesuch fühlen. In der Stadt suchen wir dann zunächst mal einen Laden für eine SIM-Karte. Telefoniert man in Rssuland und darüber hinaus nämlich mit seiner deutschen Karte, können einen die Puff-Preise schnell in den Ruin treiben. Eine lokale Karte ist da deutlich günstiger und beinhaltet außerdem mit bis zu 40 GB eine nahezu unerschöpfliches Datenpotential. Bleibt abzuwarten wie die Abdeckung draußen in der Pampa ist. Dann gehts zur Bank. Am Geldautomat wird mir allerdings die Herausgabe von Barem verweigert. Also rein zum Schalter, Nummer gezogen und sich in die lange Reihe gesetzt. Wenig später sitzen wir am Schalter, erklären unser Problem und – zack- bekommen wir doch etwas cash. Warum den einfach wenns auch kompliziert geht .-) ?
Kreuz und quer durch die Stadt und entlang der Bucht von Petersburg geht’s zum Peterhof. Dort ist mächtig was los. Scheinbar hält sich gerade niemand mehr in China und Japan auf, denn so wie es aussieht sind die aller hier. Wahre Menschenmassen wälzen sich durch die prunkvollen Gärten und Anlagen. Besonders die vielen Brunnen und Fontänen sind eindrucksvoll. Später konne wir diese sogar noch auf einer separaten Führung „von unten“ besichtigen. Wirklich sehr schön hier. Und während ich so auf geschichtsträchtigem Grund wandele klingelt mein Handy. Es ist Michael aus Moskau. Michael war derjenige, der mich seinerzeit mit dem russischen Binnenfunkgerät versorgt hat. Nun ist er extra wegen uns aus Moskau her geflogen, um uns auch persönlich einen Besuch abzustatten. Er warte bereits in der Marina, in der wir uns für den frühen Abend verabreden. Im Hafen angekommen gibts dann ein nettes Hallo mit ein paar Bierchen und einem keinen Abendessen. Für den kommenden Tag verabreden wir uns außerdem für eine Tour durch die Innenstadt. Gute Nacht.
Die Nacht war mal wieder nix für schwache Nerven. Das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen lieben es die Russen zu feiern. Und wenn, dann auch richtig. Soll heißen die ganze Nacht wummert die Musik aus den nahen Clubs und Feier-Sälen bis in die frühen Morgenstunden. Dazu der Riesenschwell der Carpe regelmäßig wie einen Angelschwimmer am Steg tanzen und uns in die Leinen einrucken lässt. Und dann gibt es da noch den kauzigen Mann, der direkt auf unserem Steg eine kleinen Leuchtturm aus Holz baut. Bis nachts um ein Uhr hat er direkt neben uns mit seiner Flex hantiert und mir den letzten Nerv geraubt. Heute morgen hat der um 7 weiter gearbeitete und dann auch noch die Tür seinen Turms geben Carpes Rumpf geschlagen, Da musste mir mal kurz der Hintern platzen und siehe da … nur 5 Minuten später verabschiedet sich der „Künstler“ ins Wochenende und wünscht uns alles Gute.
Zusammen mit Michael gehts dann gegen Mittag in die Stadt. Dazu nutzen wir eines der vielen Taxis die man hier per App in nullkommanix bestellen kann und die einen für nen Appel und ein Ei überall hin kutschieren. Was folgt ist ein gut 10 km langer Fußmarsch zu allen wesentlichen Sehenwswürdigkeiten, Prachtstraßen und Plätzen. St. Petersburg ist echter der Oberhammer. Eine bunte Kultur-Metrolpole mit viel Wasser und Prunk. Dazwischen ein Verkehr wie in Manhattan und natürlich viel lebendige Geschichte. Wir sehen beispielsweise das Winterpalais (Erimitage), das berühmte Peter der Große Denkmal, die Blutkirche, den Panzerkreuzer Aurora und und und. Allein in der Stadt könnte man sicher Tage und Wochen zubringen, um die unzähligen Dinge zu bestaunen die es hier gibt. Zwischendurch nehmen wir immer wieder mal nen Snack und nen Kaffee. Einmal in einem schönen Park für den wir sogar Eintritt zahlen mussten. Geld verdienen tun die Menschen hier wohl genauso gerne wie überall sonst auf der Welt. Manches ist zwar wirklich günstig, anderes hingegen hat europäischen Standard oder ist sogar noch teurer. Einmal mehr stelle ich mir die Frage, wie sich das die normalen Einheimischen leisten können. Eine Kellnerin zum Beispiel verdient im Monat ungefähr 25.000 Rubel. Das sind in etwa 400 bis 500 Euro.
Die Tage in Petersburg verstreichen in Windeseile. Nach dem Wochenende stellt sich in der Marina fast so etwas wie Ruhe ein und neben uns hat Thomas – ein ebenfalls deutscher Segler – festgemacht, der gerade allein hier ist und sich bald mit seiner Holden in Stockholm treffen will. Wir bereiten uns derweil auf die Weiterfahrt ins russische Binnenland vor. In der Nacht von Sonntag auf Montag soll es losgehen. Der Beginn eines echten Kabinettstückchens a la Russland. Denn zunächst heißt es, wir sollen uns schon spätesten um 1 Uhr vor der ersten Brücke einfinden, um den Lotsen an Bord zu nehmen. Dann plötzlich heißt es, dass sei viel zu früh und der Lotse käme erst um viertel vor zwei an Bord. Um zwei Uhr morgens seien dann die Brücke auf uns wir könnten los. Wir planen also um 1 Uhr die Leinen los zu werfen und die Aufnahmestelle für den Lotsen anzusteuern. Um halb eins klingelt dann plötzlich das Telefon. Der Lotse ist dran und meint, wir müssten SOFORT losfahren, da das Wasser steige und wir ansonsten nicht unter der neuen Brücke hindurch kämen. „Welche neue Brücke ?“, frage ich Viktor, der ebenso ahnungslos ist. Wie sich herausstellt, gibt es vor der ersten Klappbrücke eine neue Brücke, die weder in Karten verzeichnet ist, noch von Vladi irgendwie erwähnt worden ist. Durch die noch angebrachten Gerüste sei die Brücke derzeit irgendwas zwischen 14 mter und 15,50 Meter hoch. Eine insoweit verlässliche Auskunft zu bekommen ist zunächst nicht möglich. Wir gehen also von 14 Meter aus, was selbst bei normalem Wasserstand für uns zu wenig wäre. Vladi und Lotse meinen dennoch, wir sollen trotzdem los fahren. Das würde schon passen. Also los .. in leichter Hektik schmeißen wir die Leinen los und ab geht die Fahrt zu besagter neuer Brücke. In der dämmrigen Beleuchtung taucht der Bau bald auf. „Das ist zu knapp.“, sage ich zu Viktor, der wie ein Derwisch an Telefon und Funk hängt und versucht aktuelle Infos zu bekommen. 100 Meter vor der Brücke klärt sich dann: „Die Brücke hat gerade nur 13,22 Meter Durchfahrthöhe.“ Ich drehe sofort ab und fluche laut in die Nacht. Denn damit ist klar, heute kommen wir nicht mehr durch St. Peterburg. Morgen soll ein neuer Anlauf auf einer anderen Route stattfinden. Bald mehr …
















Eine wirklich interessante Reise und schön, wenn auch in mehr als abgeschwächter Form zu den anderen Fahrten, dabei sein zu dürfen.
Wird die zeit nicht langsam etwas knapp zur Umrundung des Nordkaps?
Weiterhin alles Gute-
Herzlichst
Ingo
aha
😀