Nach zwei langen Etappen gen Osten und nunmehr schon zwei Tagen in St. Petersburg, wird es Zeit für einen neuen Blog-Eintrag über die zurückliegenden Ereignisse. Ich sitze in Carpes Bauch. Draußen ballert sie Sonne bereits den dritten Tag in Folge und am Heck plätschert leise die Strömung eines Seitenarms der Newa, dem mächtigen Fluss, der mitten durch St. Petersnburg fliesst. Viktor sitzt derweil in der Bugkoje und fummelt an seinem Fluss-Funkgerät herum, welches er sich aus welchem Grund auch immer zusätzlich gekauft hat. So langsam komme ich mir hier vor wie in einem Elektronik-Fachgeschäft, so viel Funk-, Navigations-, Handy- und Tracking-Gedöns fliegt hier herum. Und apropos Elektronik. Wie jeden Tag, gab es auch heute morgen eine Überraschung. Unser lieber Nachbar hat heute Nacht nämlich mal eben unseren Landstrom ausgestöpselt und so sind alle Akkus die eigentlich laden sollten noch immer leer. Irgendwie hat man manchmal das Gefühl, dass hier jeder einfach macht was er will. Dazu aber später mehr. Zunächst mal zurück nach Finnland, genauer gesagt nach Utö.
Nach zwei schönen Tagen auf dem kleinen Felsen-Eiland ging es am Morgen des 8. Juni los. Auf dem Programm steht ein kurzer Schlag von etwa 35 Seemeilen nach Rosala/Nötholm. Einem kleinen Hafen etwa 20 Seemeilen vor Hanko und damit ein guter Zwischenstopp auf meinem Weg zu eben dieser westlichsten Stadt Finnlands. Die Sonne scheint, jedoch ist der Wind nach dem gestrigen Starkwind heute fast gänzlich eingeschlafen. Also erst mal den Jockel an und ungefähr 3 Stunden durch das große Schärenfahrwasser Richtung Osten. Im Laufe des Vormittags stellt sich dann doch etwas Wind ein und ich setze die Segel .. gut so. Zwar eiern wir recht langsam aber dafür wieder ohne Dieselverbrauch und Geknatter meinem heutigen Etappenziel entgegen. Wie üblich mache ich zwischendurch ein 10 Minuten-Lünzjen („Koblenzerisch“ für Schläfchen) , da plappert es plötzlich aus dem Funk: „Carpe Diem, Carpe Diem, Carpe Diem …“. Noch leicht benebelt denke ich, „… war das für mich ?“. Ich stolpere zur Funke und antworte. Und tatsächlich, der Funkspruch galt mir. Ein ebenfalls deutscher Skipper, der entweder auch Guido hieß oder mich eben so ansprach, meldet sich von seiner etwa 25 Fuß langen kleinen Segelyacht, die mich gerade in etwa 50 Meter Abstand auf Gegenkurs passiert. Und während ich noch überlege , dass das mit den Lünzjen vielleicht hier doch so keine gute Idee ist, beginnt ein kurzer netter Plausch über das übliche Seemanngsarn wie Wetter, Route Ziele und so weiter und so fort. Dann ziehen wir beide wieder unserer Wege und schon bald ist die kleine Yacht des Gesprächspartners achteraus verschwunden. Die restliche Fahrt verläuft dann auch undramatisch. Hier und da kreuzen ein paar andere Segler und Motorboote meinen Weg. Dazwischen immer wieder die vielen keinen Fähren, welche die unzähligen Inselchen miteinander verbinden und nun weiß Gott keine Rücksicht auf irgendwelche dem Fahrwasser folgenden Boote nehmen. Um halb vier Nachmittags habe ich dann die Leinen gfest. Rosala liegt in einer kleinen, bewaldeten Bucht und hält sofort das, was der Hafenführer mit ein paar Bildchen angekündigt hat. Gemütlich, finnisch, ja fast kandisch mutet es hier an. An den Stegen liegen gerade mal zwei andere Boote. Also massig Platz zum längsseits anlegen. Gerade habe ich meine Strippen fest da kommt eine finnische Familie den Steg entlang und hält zielstrebig auf mich zu. Der Papa sieht aus wie ein Wikinger, lacht freundlich und spricht mich gleich ganz aufgeregt und interessiert an. Er würde mein Boot aus dem Internet kennen und könnte es gerade gar nicht glauben mich hier zu treffen. Einmal mehr bin ich platt wie ne Flunder wie weit die Reichweite meiner Filmchen in der Zwischenzeit geworden ist. Der Finne heißt jedenfalls Janni und ist ein echt netter Kerl. Er ist zusammen mit Frau und Tochter im Jahresurlaub und was liegt da näher, als den finnischen Archipelago mit seinen zigtausend Inseln unsicher zu machen. Wir trinken ein Bier auf seiner 37er Bennetau, schwatzen über dies und das, bevor es für mich ein erstes mal kurz an Land geht. Im Sommer scheint auch hier mächtig was los zu sein, denn an Land finden sich gleich mehrere Einrichtungen die darauf schließen lassen. Ein kleiner Boots-Shop, ne Tanke, Kiosk und Cafe, Sauna und sogar ein kleiner Tante-Emma-Laden sind vorhanden. Der Laden hat geöffnet und so trete ich gleich ein und kaufe ein paar Kleinigkeiten. Die bucklige Laden-Chefin ist freundlich, spricht aber kein Gramm Englisch, was den kurzen Talk etwas erschwert. Nach einer Dusche und einem gemütlichen Abend geht’s dann ab in die Heia.
Der nächste Morgen ist mucksmäuschenstill. Die Bucht liegt ganz still um mich herum. Ein paar Mücken schwirren herum und es bläst kein Lüftchen. „Ich glaube ich bleibe heute noch hier“, überlege ich. Spätestens morgen muss ich in Hanko sein, wo Viktor am Abend mit dem Zug eintreffen soll. Und genauso mache ich es dann auch. Ich zahle eine weitere Nacht im Mini-Laden (20 Euronen), fülle Diesel und Wasser auf und sorge für etwas Ordnung an Bord. Immerhin will ich morgen keine komplette Rumpelkammer vorweisen, wenn Viktor n Bord kommt. Nachmittags unternehme ich dann eine kurze Wanderung in das nahegelegenen Dorf Rosala. Etwa 3 km geht es durch dichten Wald, vorbei an vielen kleinen Wochenendhäuschen bis ich den Ort erreiche. Der Grund für meinen Besuch ist das hier beheimatete „Viking Centre“, ein Freilicht-Museum über die mittelalterlichen Haudegen, welche unter anderem auch hier früher ihr Unwesen getrieben haben sollen. Ein Dreiviertelstündchen bin ich unterwegs, muss trotz des übersichtlichen Orts sogar einmal nach dem Weg fragen und erreiche schließlich die liebevoll und offenbar in privater Eigeninitiative gestaltete Ausstellung. Auf einem großen Gelände gibt es ein kleines Besucherzentrum mit Filmvorführung und originalgetreu nachgebauten Häusern, Schuppen, einer Kirche, Waffenarsenal und sogar zwei Wikingerschiffe. Auf dem ganzen Gelände laufen außerdem entsprechend gekleidete Wikinger und „Wikingerinnen“ herum. Janni und Family sind auch am Start. Ansonsten ist nicht viel los, was für urige Stimmung sorgt und ein eigentümliches Mittelalter-Feeling aufkommen lässt. Schön hier. Zurück im Gasthafen sehe ich dann hinter mir eine neues Motorboot am Steg. Am Heck ein deutsche Flagge und an Bord ein deutsches Rentner-Ehepaar auf mehrmonatiger Fahrt durch die Ostsee. Auch hier folgt der übliche Schnack, gefolgt von einer Diskussion über die Vorzüge und Nachteile einer Kurzwellenfunkanlage, mit der der Eigner sogar Gespräche bis nach Japan führen und verfolgen kann.
Es wird Zeit für Hanko. Gute 20 Meilen beträgt die Distanz, die aufgrund des erneut schwächelnden Winds heute nochmal unter Maschine zurücklegt wird. Wieder folge ich dem Fahrwasser, welches ich mir wegen des Wochenendes mit vielen anderen Wassersportlern teile. Eins fällt dabei mal wieder auf. In Finnland braucht man keinerlei Bootsführerschein oder sonstige Qualifizierung zum Führen eines Bootes. Diese Info habe ich aus dem Revierhandbuch. Außerdem steht dort zu lesen, dass man sich deshalb auf mitunter unkonventionelles Fahren, insbesondere sehr schnelle Boote und nicht immer regelgerechtenn Manövern einstellen soll. Und genau so isses auch. Der Finne kennt offenbar nur zwei Gashebel-Stellungen .. voll oder eben leer. Dazwischen gibts nix. Im Fahrwasser hämmern alle 10 Minuten irgendwelche PS-Monster mit bis zum Anschlag aufgerissenen Vergaserklappen an mir vorbei.Vorzugsweise in ungefaähr 3 Meter Abstand, was snicht nur einen Höllenlärm macht, sondern auch für Schwell sorgt der mich immer wieder aufs Neue durchschüttelt. Außerdem halten die Boote oft bis zum letzten Moment genau auf einen zu. Da muss man echt geschmeidig bleiben und darauf hoffen, dass einen der Fahrer sieht und rechtzeitig ausweicht. Mit meinen gut 4 Knoten Jockelfahrt kann ich da eh nicht viel ausweichen.
Kurz vor der Ankunft in Hanko geht es noch durch eine enge Zufahrt mit Revierwachturm und x Kardinalstonnen die vor den vielen Felsen und Untiefen warnen. Im großen Hafen mache ich dann wenig später fest. Nach längerer Zeit mal wieder mit der guten alten Heckboje, was aber gut und problemlos klappt. Der Hafen its im Gegensatz zu den vorherigen Stationen gut besucht. Im Laufe des Nachmittags trudeln immer mehr Boote und Yachten ein, die den Steg zu nahezu zwei Dritteln auslasten. Bei der Hafenmeisterin buche ich zunächst eine Nacht für 28 Öcken und erhalte einen WIFI-Code der ausnahmsweise aber mal nicht funktioniert. Außerdem schmeisse ich eine Maschine Wäsche an und genehmige mir eine Dusche. Dann beginnt das Warten auf Viktor. Um halb acht soll er kommen und deshalb wundere ich mich, als ich um kurz vor halb sieben eine SMS von ihm bekomme, dass er gleich da sei. Der Grund dafür ist aber schnell gefunden. Ich Vollhirsch habe es nämlich bislang nicht geschnallt, dass in Finnland keine MESZ gilt, sondern die Uhren eine weitere Stunde vorgestellt werden müssen. Das ganze nennt sich dann OESZ (Osteuropäische Sommerzeit). Und ich Doofmann hatte mich auf Utö schon mal über die unzuverlässigen Öffnungszeiten des Kaufmannsladen gewundert :-). Jedenfalls ist Viktor da und nach kurzem Marsch durch das nicht besonders ansehnliche Hanko gibt es ein großes Hallo. Zurück durch die grauen und etwas tristen Straßen des etwa 9000 Einwohner zählenden Städtchens gehts zur Marina. Die betonnierten Bürgersteige sind ganz schön marode und sogar Viktor meint, dass ihn der ein oder andere Straßenzug an seine Kindheit in Sibirien erinnere. Der Hafen hingegen ist eine fast schon pulsierende Zentrale des Städtchens. Überall ist viel los, es gibt eine gute Handvoll Restaurants und Cafes und die Dorfjugend knattert mit Mopeds und aufgemotzten Autos durch die Pampa. Den Abend beschließen wir mit einer Pizza und einem 7,50 Euro Bier beim Finnen-Italiner.
Den nächsten Tag verbringen wir noch komplett in Hanko und versorgen uns mit dem Nötigsten im Supermarkt. Ansonsten gammeln wir ein wenig, gehen auf die nahegelegene Aussichtplattform und kochen abends lecker Nudeln. Zudem wundere ich mich kurz, als ich für die weitere Nacht plötzlich 5 Euro weniger bezahlen muß als am Vortag und der nun völlig andere WIFI-Code jetzt auch funzt. Für den kommenden Tag ist eine stabile Windlage aus zunächst Südwest und später genau West gemeldet. Die Brise soll dabei von zunächst 15-20 auf später über 30 Knoten zunehmen. Also eigentlich genau meine Verhältnisse, die eine schnelle Fahrt und einen guten Kurz versprechen. Von daher haben wir uns auch dazu entschlossen Helskini links liegen zu lassen und in einem langen Schlag bis nach Haapasaari durchzurauschen. Die kleine Insel ist der letzte finnsiche Außenposten vor der russischen Grenze und zugleich er Ort zum ausklarieren. Dazu bald mehr … Ahoi !











Hallo Guido,
Wieder einmal habe ich deinen kurzen Bericht mit großem Interesse und viel Spaß gelesen. Freue mich auf die kommenden Logbucheinträge!
Gute Fahrt!
Grüße aus Köln
Guido
danke danke 🙂
From Russia With Luv