Finnland Baby !

Der Abend und die Nacht im schwedischen Sandhamn sind kurz. Außerdem ist es echt frisch. In der Koje wickele ich mich dick in meine Decke ein, bis es morgens um halb fünf aus den Federn geht. Draußen regnet es und der graue Himmel taucht die urige Umgebung in ein milchig gespenstisches Licht. Es ist nämlich schon richtig hell. So wirklich gemütlich ist es dennoch nicht und Lust auf den langen Schlag zu den finnischen Aland-Inseln macht das Wetter auch nicht gerade. Aber es hilft ja nix. Ich muss weiter Richtung Helsinki wo ich am 10. Juni mit Viktor verabredet bin und der Wind sollte heute für die etwa 75 Meilen auch gut passen. Um 6.25 Uhr werfe ich die Leinen los. Vor der Hafenzufahrt kreuzt noch eine große Fähre meinen Weg, dann bin ich wieder allein. Unter Maschine geht es anschließend hinaus aufs freie Wasser, wo ich eine halbe Stunde später die Segel setze und den Motor in den vorübergehenden Ruhestand schicke. Es bläst mit den gemeldeten 4 bis 5 Windstärken aus Süd. Das bringt uns bei einem Kurs von ca. 55 Grad und halbem Wind auf gute 5 Knoten Fahrt. Im weiteren Tagesverlauf soll der Wind weiter zunehmen und auf Südwest drehen. Soll heißen, ich werde später wohl irgendwann das Groß wieder bergen und dann bei den prognostizierten 20 bis 25 Knoten achterlichen Wind wieder nur unter Genua nach Körka fahren. Dort gibt es im Süden der Insel den kleinen Gasthafen von Karlby in den ich möchte. Die Zufahrt soll laut Revierhandbuch zwar sehr flach, dafür aber gut betonnt und bei Tageslicht relativ problemlos zu befahren sein. Ich bin gespannt.

Es läuft jetzt gut. Carpe pflügt durch die See, unter mir gurgelt das Wasser am Rumpf und im Laufe des Vormittags werden auch die Temperaturen wieder etwas erträglicher. Gegen 13 Uhr bemerke ich dann jedoch, wie der Wind spürbar nachlässt. „Äh .. Moment mal …“, denke ich. Der sollte doch eigentlich zunehmen. Doch leider ist dem nicht so. Nur der angesagte Winddreher auf Südwest kommt wie versprochen und ich segle wie vorher überlegt fortan erst mal nur mit der vollen Genua weiter. Das geht anfangs dann doch noch besser als befürchtet. Um halb drei ist es dann aber mehr oder weniger vorbei mit dem Wind. Gerade mal 2 Beaufort wedeln noch etwas Luft von achtern in die Genua. Unser Durchschnittsspeed beträgt nur noch etwas um die 3 Knoten. Bei der noch ausstehenden Reststrecke von sicher 25 Seemeilen, würde das eine Ankunft am sehr späten Abend und damit im nahezu Dunkeln bedeuten. Denn auch wenn es hier wirklich lange hell ist, wird’s dann gegen Mitternacht doch noch etwas finsterer. Dann wird es schwer unbefeuerte Tonne zu erkennen, geschweige denn deren Farbe sicher zu beurteilen. Die auf den Alands meist nur dünnen Spieren die den Fahrweg rechts und links abgrenzen, haben nämlich in der Regel keine Topzeichen oder sonstige Unterscheidungsmerkmale, außer eben der Farbe. „Datt is mir zu unsicher …“; entscheide ich wenig später und schalte zur Unterstützung der Genua den Diesel an. So kommen wir immerhin auf knappe 5 Knoten und einer Ankunft bei halbwegs guten Sichtverhältnissen sollte damit nix mehr im Wege stehen.

Am Ende dauert es bis kurz vor 10 Uhr abends, bis ich den kleinen Hafen von Karlby erreicht habe. Die Infos über die Zufahrt haben nicht untertrieben. Bis zum Beginn der Tonnen bzw. Spieren muss man sich genau an die installierten Richtmarken halten. Diese bestehen hier aus großen signalfarbenen Schildern die – analog zu einem Richtfeuer – an Land stehen und deren Peilung übereinander stehen muss. Als die ersten Spieren in Sicht kommen, wird es dann wirklich eng und der Tiefenmesser zeigt teilweise nur noch 50 cm Wasser unterm Kiel an. Das macht mich zwar noch nicht so richtig nervös, ich weiß aber auch, dass hier schnell mal ein einzelner Stein rumliegen kann und der verbliebene halbe Meter dann von jetzt auf gleich verschwunden ist. Langsam und hochkonzentriert fahre ich also durch das Fahrwasser bis nach einer letzten Biegung endlich ein paar Häuser auftauchen: Karlby ist erreicht. Die letzten Spieren stehen hier übrigens an anderen als auf der Karte verzeichneten Stellen. Scheinbar hat sich hier unlängst was geändert. Noch einmal taste ich mich langsam um die roten und grünen Stangen herum bis ich endlich längsseits an einem Holzsteg liege. Außer mir ist hier absolut kein Mensch, geschweige denn ein anderes Boot zu sehen. Auch das kleine Hotel ist fest verrammelt und keine Socke zu sehen. Mir solls wurscht sein. Ich bin froh endlich da zu sein, stöpsele den Landstrom ein und mache es mir für eine schnelles Essen und ein Folge NARCOS unter Deck gemütlich. Ich bin in Finnland !

Als ich am nächsten Morgen durch mein Kojenfenster schaue, strahlt die Sonne bereits von einem tiefblauen Himmel herab. Sehr schön. Ich koche mir nen Kaffee und klettere ins Cockpit. Die Umgebung ist echt ein Traum und einmal mehr fühle ich mich im Astrid-Lindgren-Land. In ein paar hundert Metern Entfernung höre ich eine Motorsäge und eine kleines Arbeitsschiff baggert irgendwo im Fahrwasser herum. Ich bin also dich nicht ganz alleine hier. Im Hotel oder der kleinen Hafenmeister-Baracke finde ich aber auch heute Morgen niemanden. Also spare ich mir das Liegegeld. Nach dem Frühstück drehe ich noch eine kurze Runde. Lasse kurz die Drohne fliegen, um diesen zauberhaften Ort auch von oben zu bannen und mache mich wenig später auf den Weg nach Utö.

Die Insel Utö kenne ich insbesondere aus Bastian Haucks sehr schönem Segelfilm „Raus ins Blaue“. Auch wenn nur wenige Szenen dort spielen, möchte ich das ehemalige militärische Sperrgebiet mit seinen gerade mal 50 Einwohnern nun auch unbedingt selbst besuchen und erkunden. Wind ist heute leider nur sehr wenig da und so geht’s zunächst unter Maschine wieder auf dem engen Fahrwasser hinaus. Dabei versuche ich mich genau an die Route zu halten, die ich am Vorabend genutzt hatte. Nur ein einziges mal gerate ich wohl etwas zu nah an den Tonnenstrich und plötzlich beginnt der Alarm meines Echolots zu piepen. Mir gefriert sogleich das Blut in den Adern. Sofort kuppele ich die Maschine aus, checke nochmal meine Position im Fahrwasser und stoppe zur Sicherheit auf. Gerade als Carpe steht, schrappe ich kurz mit dem Kiel über den Grund. Mist … !! Noch einmal vergewissere ich mich, dass ich noch im Fahrwasser bin. Das bin ich, wenn – wie gesagt – auch ziemlich am Rand. Ich setze also ein paar Meter zurück und schaue unter Deck schnell den Track meiner gestrigen Einfahrt an. In der Tat bin ich nur ungefähr zwei Meter von meiner gestrigen Kurslinie abgewichen und zack, Grundberührung. Aber kein Grund zur Sorge. Carpe ist wenn überhaupt nur mit nem halben Knoten auf den Hubbel getrieben. Das steckt mein Bötchen ganz locker weg. Mit etwas mehr Abstand zum Fahrwasserrand klappt die Passage dann auch problemlos und ich habe hier plötzlich wieder anderthalb Meter Wasser unterm Kiel. Puh ….

Der Weg nach Utö ist wunderbar. Zwischen den kargen finnischen Schären geht es für etwa 20 Meilen Richtung Südost. Wenn der Wind das Segeln erlaubt, setze ich immer wieder die Tücher und schalte den Diesel aus. Ein wirklich schöner und auch mal wieder überschaubarer Segeltag. Nach guten 3 Stunden Fahrt kommt dann am Horizont der Leuchtturm von Utö sowie zwei mächtige rotierende Radarantennen in Sicht. Scheinbar gibt es hier auch heute noch etwas Militär. Der Leuchtturm ist übrigens das älteste Leuchtfeuer Finnlands und wurde irgendwann im 18. Jahrhundert angezündet. Auch vor Utö gibt es ein enges Fahrwasser für die Ansteuerung der Bucht mit ihren Anlegemöglichkeiten. Entweder kann man direkt an die hölzerne Pier gleich beim Dorf gehen oder an einem etwas weiter draußen gelegen Schwimmponton festmachen. Da dort im Gegensatz zu der Dorfpier Strom und Wasser vorhanden sein soll, entscheide ich mich zunächst für den etwas außerhalb gelegenen Ponton und mache die Leinen fest. Ein erster kurzer Spaziergang führt mich anschließend in den Ort, zum Leuchtturm und dem zentralen Info-Punkt der Insel, dem Kaufmannsladen. Hier treffe ich unter anderem auf die nette Laden-Besitzerin und einen finnischen Segler. Der bestätigt mir auf meine Nachfrage, dass es an der Dorfpier sehr wohl Strom gebe und das man hier sowieso viel besser liegen würde. „OK …“, denke ich, kaufe ein paar Kleinigkeiten im Mini-Laden und verhole Carpe anschließend zu dem etwas zentraleren Anleger. Kurz zuvor hatte ich beobachte wie die finnische Küstenwache ein sehr kleines Segelboot in die Bucht geschleppt hatte, welches nun unmittelbar vor mir an der Pier liegt. An Bord eben die drei estnische Jungs mit Motor- und auch anderen Problemen von denen ich schon kurz in einem früheren Blog berichtet hatte. Der Platz beim Dorf ist tatsächlich besser. Spätestens als gegen Abend noch zwei, drei weitere Boote eintrudeln und ich abends von Antti, dem Finnen-Segler aus dem Kaufmannsladen zu selbst gemachten Pfannekuchen auf seine mächtige Stahlyacht eingeladen werde. Auch die Esten kommen dazu und freuen sich über die Verpflegung nach einem durchwachsenen Tag.

Wegen des gemeldeten Starkwinds bleibe ich für zwei Tage auf der wirklich wundervollen kleinen Insel Utö. Ich unternehme ausgedehnte Spaziergänge an alle Ende der Insel, besuche die kleine Dorfkirche, entdecke riesige Atellerie-Geschütze aus Zeiten des kalten Kriegs und besuche das einzige Hotel de Insel. Dieses ist in den ehemaligen Militärbaracken untergebracht die – aus grauem Beton gefertigt – auf einer Landzunge stehen. Hier gibt es das einzige Restaurant der Insel, was ich mir nicht entgehen lassen will. Nachdem ich mir nen Platz gesucht habe bekomme ich die Karte und den Hinweis, dass es leider nur Fisch geben würde. Und zwar nur einen. „Warum soll ich dann die Karte studieren?“, frage ich sinngemäß. Woraufhin die Bedienung anfängt zu lachen und die Karte wieder mitnimmt. Das Essen ist jedenfalls echt gut und der Besuch wie eine kleine Zeitreise in die Siebziger. Der gemeldete Starkwind ist mittlerweile auch durchgezogen und wurde von prasselndem Regen abgelöst. Zurück an Bord mache ich es mir gemütlich und schaue noch einmal auf die Seekarten. Morgen geht es weiter Richtung Osten. Mal schauen, wo ich am Ende lande ….

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